Unterhaltungen mit meinem Sohn (15) laufen fast immer gleich ab. Ich frage und er antwortet das Nötigste:
Ich: „Wie war es in der Schule?“
Er: „Gut.“
Ich: „Gibt’s was Neues?“
Er: „Nee, nicht das ich wüsste.“
Und damit verabschiedet er sich in der Regel auch in sein Zimmer.
Wenn du auch einen männlichen Teenager zu Hause hast, kennst du diese Dialoge, oder sagen wir ‚Nicht-Dialoge‘, vermutlich nur zu gut. Aber warum sind Jungs in der Pubertät oft so verschlossen? Und was heißt das für uns als Eltern?
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Pubertät ist mehr als Hormone und Stimmungsschwankungen
Teenager fühlen besonders viel. Alles ist extremer, bedeutender, wichtiger. Oft fehlt es ihnen aber an den richtigen Worten, für das, was in ihnen tobt. Vermehrt ist das tatsächlich bei Jungs der Fall. Die fühlen nicht weniger als Mädchen im selben Alter, oft können sie das Gefühlte aber nicht einordnen oder benennen.
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Und was macht man, wenn man sich hilflos fühlt? Man holt sich entweder Hilfe, oder man schweigt. Und dreimal dürft ihr raten, wofür sich die meisten Jungen im Teenageralter entscheiden? Richtig, sie schweigen.
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Toxische Männlichkeitsbilder wirken auch heute
Und zwar, weil auch heute noch Botschaften wie ‚Reiß dich zusammen‘, ‚Sei stark‘ oder ‚Heul nicht rum‘ kursieren, wenn Jungs und junge Männer straucheln. Denn diese alten Rollenbilder sind ultra tief verankert. Auch wenn sich schon viel verändert hat, gelten Menschen, die öffentlich ihre Gefühle zeigen und aussprechen als schwach oder zu sensibel. Wer hingegen schweigt und ‚durchzieht‘ wirkt souverän.
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Wichtig für Teenager in dieser Entwicklungsphase ist außerdem die Zugehörigkeit. Freunde und Freundinnen rücken viel mehr in den Fokus. Die Clique kann zeitweilig wichtiger für Teenager sein als die Familie. Und innerhalb dieser Gruppe ist man jemand, hat eine Rolle. Cool wirken und stark sein wird da gerne von den männlichen Gruppenmitgliedern besetzt.
Schweigen sie also über ihre Gefühle, heißt das nicht, dass sie nicht fühlen. Sondern dass sie sich schützen, um ihre Coolness und Stärke nicht zu verlieren. Sie schweigen aus Selbstschutz.
Jungs regulieren Gefühle anders
Mädchen sind oft sehr viel weniger gehemmt, über ihre Emotionen zu sprechen. Sie quatschen mit Freundinnen, der Mama oder schreiben ihre Gedanken und Gefühle einfach in einem Tagebuch auf.
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Jungs machen das anders. Sie regulieren Stress und Gefühle viel häufiger über Bewegung oder Aktivitäten. Sie zocken am PC oder der Konsole, treiben Sport oder hängen mit Freund*innen rum. Sie tun viel, um sich wenig mit sich selbst beschäftigen zu müssen.
Autonomie ist super wichtig
Die Abnabelung von zu Hause, von Eltern und Geschwistern, ist bei Jungs viel deutlicher sichtbar und spürbarer als bei Mädchen. Vermutlich auch deshalb, weil sie verschlossener wirken und sich deutlicher zurückziehen. Mehr Zeit mit sich selbst verbringen. Aber genau dieser Schritt ist wichtig, damit sie ihr Selbstbild entwickeln können.
Dazu gehört auch, dass sie viele Dinge eher mit Freunden besprechen und eben nicht mehr die Eltern um Rat fragen. Oder sie machen es direkt mit sich allein aus, um im Freundeskreis nicht vermeintlich an Coolness zu verlieren. Schweigen ist für viele Jungs eine Art Schutzraum. So schmerzlich das sein kann, so normal ist es gleichzeitig.
Digitale Räume
Generell kommunizieren Jugendliche heute anders als wir. Vieles läuft über Chats, Sprachnachrichten oder innerhalb von Games ab. Ein Junge, der zu Hause also nur das Nötigste von sich gibt, kann Online eine ganz andere, hoch kommunikative Person sein.
Wichtig ist, dass ein Teenager, auch wenn er gewisse Zeit vor Bildschirmen verbringt, insgesamt sozial eingebunden bleibt und sich nicht isoliert.
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Tipps, für Eltern, wenn ihr Teenie kaum redet
- Nimm Druck raus, denn je mehr man ein Gespräch erzwingt, desto dichter macht der Teen.
- Sprecht nebenbei über Schule, Freunde, Ängste oder Sorgen. Liegt der Fokus nicht auf dem Kind, fällt es ihm leichter, sich zu öffnen.
- Beobachte mehr, statt nach dem Warum zu fragen. Lass deinen Teen wissen, dass du verstehst, dass er Zeit für sich braucht, aber dass du immer da bist, wenn er dich braucht.
- Behalte dir deinen Humor und sieh die Dinge nicht zu eng.
Der Rückzug, das Schweigen und die Entfernung zu uns Eltern ist, was uns schwerfällt. Aber unsere Teenagerjungs brauchen das, um zu wachsen. Und irgendwann ist auch diese Entwicklungsphase wieder vorbei. Bis dahin bleiben wir einfach da und verfügbar.
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