Den Satz „Jungs sind einfach später dran“ hat vermutlich jedes Elternteil schon einmal gehört. Spätestens, wenn die Kinder in die sechste oder siebte Klasse kommen und die Mädchen plötzlich deutlich reifer wirken als ihre Mitschüler. Sie scheinen ihnen körperlich und emotional weit voraus.
Doch stimmt das wirklich? ‚Reifen‘ Jungen einfach langsamer, legen Mädchen einen regelrchten Sprint hin oder ist das alles ein Mythos?
Die Wissenschaft zeigt, dass es deutlich komplizierter ist, als es auf den ersten Blick erscheint.
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Mädchen starten früher in die Pubertät
Eine Sache bestätigt die Forschung, nämlich, dass Mädchen durchschnittlich früher in die Pubertät kommen. Es gibt viele Studien, die zeigen, dass körperliche Entwicklungsschritte bei ihnen früher einsetzen. Dazu gehören beispielsweise hormonelle Veränderungen und die körperliche Reifung. Untersuchungen zeigen, dass Mädchen körperlich in der Tat rund ein bis zwei Jahre früher reifen als Jungs.
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Die körperliche Entwicklung beeinflusst auch Prozesse im Gehirn, etwa in Regionen wie dem Hippocampus oder der Amygdala, die an Emotionen, Gedächtnis oder emotionalem Verhalten beteiligt sind. Das heißt: Kommen Mädchen früher in die Pubertät, dann verändert sich auch ihr Gehirn früher.
Gehirne von Jungs reifen aber nicht per se langsamer
Der Schluss, den man daraus ziehen könnte: Mädchen kommen früher in die Pubertät, ihre Gehirne verändern sich früher, also hinken Jungen und ihre Gehirnentwicklung hinterher, sie reifen also später. Das lässt sich jedoch wissenschaftlich nicht eindeutig bestätigen.
Eine Langzeitstudie der niederländischen Leiden University untersuchte über mehrere Jahre die Gehirnentwicklung von Kindern und jungen Erwachsenen. Die Ergebnisse überraschten selbst die Forschenden: Es gibt keinen klaren Beleg dafür, dass Gehirne von Jungs generell langsamer reifen. Stattdessen fanden die Wissenschaftler*innen etwas anderes:
- Die Entwicklung des Gehirns ist extrem individuell
- Jungen zeigen größere Unterschiede untereinander
- einige entwickeln sich früher, andere später
Das heißt, bei Jungs ist die Streuung einfach viel größer und nicht das Tempo der Reifung generell langsamer.
Auch andere Studien bestätigen, dass die Entwicklung von Jungen im Teenageralter nicht linear verläuft. Dabei gibt es bestimmte Fähigkeiten, die Jungs manchmal später und manchmal früher entwickeln.
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Pubertät wirkt mehr als Geschlecht
Neuere Studien zeigen, dass nicht das Geschlecht, sondern der Zeitpunkt der Pubertät über Reifeprozesse entscheidet. Veränderungen der Gehirnstruktur und kognitive Fähigkeiten sind mit dem Beginn der Pubertät messbar. Allerdings sind die Unterschiede eher klein und variieren stark zwischen einzelnen Kindern.
Heißt: Die Reifung verläuft immer individuell und ist nicht vom Geschlecht ‚vorbestimmt‘.
Warum hält sich der Mythos?
Schule belohnt frühe Selbstkontrolle
Der Wechsel vom Kindergarten in die Schule fällt vielen Kindern schwer. Plötzlich verlangt man von ihnen still zu sitzen, zuzuhören, zu planen und Aufgaben strukturiert zu bearbeiten.
Bis diese Fähigkeiten vollständig entwickelt sind, dauert es bei allen Kindern länger. Mädchen jedoch zeigen sie im Durchschnitt früher. Und dieses Verhalten wird gleichgesetzt mit einem Vorsprung bei der Reife.
Verhalten wird unterschiedlich bewertet
Zudem erwarten wir als Erwachsene bei Jungs eher, dass sie unruhiger oder impulsiver sind. Zeigen sie genau dieses Verhalten, fühlen wir uns in unserer Annahme bestätigt und verallgemeinern das.
Reife kann man nicht messen
Man sagt gern, Mädchen sind früher reifer als Jungs, aber was genau bedeutet das? Meint das ihre körperliche oder emotionale Entwicklung, ihre sozialen Kompetenzen oder ihre Denkprozesse? Genau das ist das Problem. Der Begriff kann einzelne Teile meinen oder alle zusammen, er ist einfach wissenschaftlich nicht besonders eindeutig.
Kein Kind ist Durchschnitt
Mädchen sind nicht automatisch früher reif und Jungs hinken nicht automatisch hinterher. Jedes Kind entwickelt sich ganz individuell. Je früher die Pubertät startet, umso früher entwickelt sich ein Kind weiter. Dabei ist eine Sache wichtig: Der Durchschnitt sagt wenig über das einzelne Kind.
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