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Verlegerin Julia Becker im Podcast: „Treten der Politik vors Schienbein, wenn es nötig ist“

Julia Becker und Paul Ronzheimer
Verlegerin Julia Becker zu Gast im Podcast „Ronzheimer“ des Bild-Vizechefredakteurs Paul Ronzheimer. Credit: Ronzheimer

Verlegerin Julia Becker, Aufsichtsratsvorsitzende der FUNKE Mediengruppe, war zu Gast im Podcast „Ronzheimer“ des Bild-Vizechefredakteurs Paul Ronzheimer. Becker sprach über die Bedeutung des Lokaljournalismus und berichtete, dass Angriffe und Bedrohungen längst zum Alltag vieler Journalisten gehörten.

Die aktuelle Folge ist ab sofort auf allen gängigen Plattformen wie Spotify verfügbar.

Sie hätte sich früher nicht vorstellen können, einmal in einem Podcast der Bild-Zeitung zu Gast zu sein, sagte FUNKE-Verlegerin Julia Becker zu Paul Ronzheimer. „Die Bild war bei uns früher verboten.“ Das, sagte Ronzheimer, sei in seinem Elternhaus nicht anders gewesen.

Für Becker bilden die verschiedenen Medien in Deutschland ein großes Orchester: „Bild ist sicherlich die lauteste Trompete, aber auch die Bild spielt mal einen schiefen Ton.“ Becker und Ronzheimer sprachen eine gute Stunde lang über Journalismus und die Lage der Medien.

Vor Becker sprach Paul Ronzheimer in seinem Podcast, der zu den erfolgreichsten Deutschlands gehört, schon mit vielen anderen prominenten Frauen wie der Politikwissenschaftlerin Claudia Major, DGB-Chefin Yasmin Fahimi oder Melanie Amann, der Chefredakteurin Digital der FUNKE Zentralredaktion.

„Es ist für eine Lokalzeitung wichtig, nah bei den Menschen zu sein, mit ihnen statt über sie zu sprechen“, sagte die FUNKE-Verlegerin. Es sei für eine Zeitung wichtig, über alles, was die Gesellschaft zusammenhält, zu berichten und dabei zu sein.

Wo das nicht mehr geschehen sei, würden sich die politischen Ränder ausbreiten und mit eigenen Medien in die Lücke stoßen, die die Verlage geöffnet hätten. In Thüringen gebe es ein Blatt, das wie eine kleine, ganz dünne Regionalzeitung aussehe. „Es ist an keiner Stelle zu erkennen, dass dieses Produkt von zwei Menschen gemacht wird, die parteipolitisch bei der AfD engagiert sind.“

Ihr eigener Verlag habe, bevor sie mit ihren Geschwistern Nora Marx und Nicklas Wilcke 2021 alle Anteile übernahm, viel zu wenig investiert, weil die damaligen Gesellschafter 80 Prozent der Überschüsse des Verlags an sich selbst ausgezahlt hätten.

Diese Zeiten seien vorbei: „Unser Anspruch ist, die Zeitungen jetzt so auszustatten, dass sie sich auch lokalen Qualitätsjournalismus leisten können.“ Auch in den Städten und Gemeinden sei das mittlerweile allerdings oft eine gefährliche Arbeit.

„Journalisten anzugreifen, ist ein Angriff auf die Pressefreiheit“

Angesprochen auf die Angriffe auf Journalisten des Nachrichtenportals Apollo am vergangenen Wochenende bei den Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt sagte Julia Becker: „Was jetzt mit den Journalisten von Apollo passiert ist, erleben wir in Thüringen seit Jahren.“

Es sei mittlerweile normal, dass Journalisten mit einer Kamera bei AfD-Demonstrationen angegriffen und zusammengeschlagen würden. Der Verlag lasse seine Mitarbeiter inzwischen von privatem Sicherheitspersonal begleiten lassen, um sie zu schützen. „Und sie werden trotzdem zusammengeschlagen.“ Journalisten anzugreifen, sei ein Angriff auf die Pressefreiheit.

Oft würden Medien mit der Politik in einen Topf geworfen. Das sei unfair: „Wir nehmen unseren Job verdammt ernst und treten der Politik vors Schienbein, wenn es nötig ist.“

Allerdings habe der Journalismus in der Vergangenheit auch bei Problemen nicht genau genug hingeschaut, was ebenfalls zum Erfolg der AfD beigetragen habe: „Das Ruhrgebiet ist ein Schmelztiegel und ein gutes Beispiel, wie gelungene Migration funktioniert.“

Es gäbe aber auch Missstände, die zu Unsicherheit, Schrottimmobilien und überforderten Kommunen führe. „In Duisburg und Gelsenkirchen sind ganze Straßenzüge in einem Zustand, der den Menschen Angst macht.“

Diese Angst ernst zu nehmen sei die Aufgabe der Kommunen, der Lokalpolitiker, aber auch der Medien. Das Fatale sei, AfD-Wähler, die sehr unterschiedliche Gründe für ihre Wahlentscheidung hätten, mit der Partei in einen Topf zu werfen.

„Es wird sich vieles verändern, und ich bin optimistisch.“

Politiker, erzählte Becker, würden immer wieder ihre Nähe suchen und sie zum Abendessen einladen wollen, was sie ablehne. Sie hält nichts von einer Kumpelei zwischen Verlegern und Journalisten auf der einen und Politikern auf der anderen Seite. Ohnehin gelte bei Funke das Chefredakteursprinzip. Wer mit der Berichterstattung unzufrieden sei, müsse sich nicht an sie, sondern an die Redaktion wenden.

Das musste auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) lernen, der sich darüber beschwerte, dass er seiner Ansicht nach auf einem in der FUNKE-Zeitung Westfalenpost veröffentlichten Foto nicht gut getroffen war. Es sei die Aufgabe von Fotojournalisten, Bilder zu machen: „Ich finde, dass Herr Merz eine wunderbare Figur macht, wenn er den Weihnachtsbaum im Sauerland schlägt.“

Dem Verlag gehe es gut, man habe die Möglichkeiten, die sich im Digitalbereich böten genutzt und dafür auch investiert. Doch eine große Herausforderung gebe es, und da müsse endlich die Politik aktiv werden. Vor allem Medienminister Wolfram Weimer (Parteilos) sei gefragt: „Ich habe ein Problem mit der KI-Nichtregulierung.“

Die Politik müsse die Angst vor Donald Trump, der immer wieder mit Sanktionen droht, überwinden und gegen den Diebstahl von Inhalten durch Digitalplattformen vorgehen. „Aber auch dafür wird es Lösungen geben. Es wird sich vieles verändern, und ich bin optimistisch.“

-> Die ganze Folge könnt ihr auf allen gängigen Plattformen wie z.B. hier bei Spotify hören.