Der Plan, den mein Mann und ich regelmäßig schmieden, klingt schön: Samstagabend, alle sind zu Hause, vielleicht Snacks, ein Film oder ein Spiel. Endlich Quality Time mit der Familie. Die kommt nämlich oft zu kurz im Alltag. Einfach mal keinen Stress haben und nur zusammen sein.
Meistens läuft es aber anders. Mindestens einer von zwei Teenagern verschwindet nach 10 Minuten ins eigene Zimmer. Irgendjemand reagiert genervt, jemand anderes ist ständig am Handy und spätestens beim Dritten: „Leg doch das Handy bitte weg“ kippt die Stimmung endgültig.
Und der geplante Familienabend wird so irgendwie zur Pflichtveranstaltung. Warum ist das so? Warum scheitert gemeinsame Zeit bei uns aktuell so oft?
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Die romantische Idee vom perfekten Abend
Die Vorstellung vom harmonischen Familienabend ist erstaunlich hartnäckig. In Serien, der Werbung und in zahlreichen Elternratgebern sieht man immer wieder Familien, die gemeinsam spielen, lachen, Filme schauen und einfach eine gute Zeit miteinander haben. Doch diese Bilder haben mit echtem Familienleben oft wenig zu tun.
Denn Familien sind nicht zusammengecastet und folgen auch keinem Script. Sie bestehen aus Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Interessen, Vorstellungen und vor allem Launen. Besonders Teenager haben selten das gleiche Bedürfnis nach gemeinsamer Zeit wie ihre Eltern.
Während wir Eltern also (krampfhaft) versuchen, die Nähe zu unseren Teenagern zu halten, üben die eigentlich gerade das Gegenteil, nämlich die Abgrenzung zu uns. Ein ‚verpflichtender‘ Familienabend ist deshalb oft das Letzte, was sie wollen.
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Gemeinsame Zeit auf Knopfdruck
Selbst wenn unsere beiden Teenager sich überraschenderweise für den Familienabend entscheiden, man alles vorbereitet und schließlich zusammenkommt, ist die Stimmung oft angespannt. Und zwar deshalb, weil diese geplante Nähe künstlich wirkt.
Bloß nicht streiten, schön ruhig bleiben und am besten immer einen Kompromiss finden. Genau das funktioniert natürlich nicht. Entweder nehmen sich alle so sehr zurück, dass keiner wirklich Spaß zu haben scheint, oder aber es brodelt so sehr, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis jemand wutentbrannt aufsteht.
Nähe, wie wir Eltern sie uns wünschen, entsteht so nicht.
Teenager wollen Nähe, aber anders
Dabei wollen und brauchen Teenager ihre Eltern und sie brauchen Nähe, Sicherheit und Familie. Aber eben in anderer Form. Sie möchten nicht gezwungen werden, Zeit mit ihnen und Geschwistern zu verbringen. Ganz besonders nicht, wenn schon vorher feststeht, die nächsten zwei bis drei Stunden gemeinsam auf dem Sofa oder am Tisch sitzen zu müssen.
Teenager schätzen gemeinsam Zeit sehr wohl, aber viel mehr, wenn sie natürlich und spontan entsteht und wenn sie überschaubar lange dauert. Sie wollen keine Erwartungen erfüllen müssen. Genau das signalisiert aber der geplante Familienabend.
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Was vielleicht besser funktioniert
Statt also den entspannten Familienabend erzwingen zu wollen, hilft ein entspannterer Blick und manchmal auch ein anderer Blickwinkel. Denn es ist ja nicht so, dass wir nicht als Familie funktionieren. Und wir sehen uns auch regelmäßig, können Spaß miteinander haben und entspannt beieinander existieren, nur dauern diese Momente wesentlich kürzer als früher.
Es sind die kleinen Alltagsmomente, die die großen Pläne schlagen. Weil sie spontan sind, ungeplant und dadurch verbindender. Gemeinsame Zeit funktioniert für alle besser, wenn sie auf Freiwilligkeit beruht und niemand sich beobachtet oder gar bewertet fühlt.
Und manchmal passiert es, dass sich die ganze Familie doch auf dem Sofa zusammenfindet. Ganz ohne Plan. Und genau diese Momente bleiben in Erinnerung und schaffen die Nähe, die wir Eltern uns wünschen.
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