Dr. Babett Baraniec ist schwanger, als sie die Diagnose Krebs erhält. Ein seltener Verlauf, ausgelöst durch Schwangerschaftshormone. Die promovierte Molekularbiologin gründet daraufhin aus der eigenen Krankheitserfahrung heraus den Krebs Campus – ein digitales Angebot für Krebspatient*innen und ihre Angehörigen. Sie möchte anderen Betroffenen so mehr Orientierung im komplexen Gesundheitssystem geben und das Gefühl, nicht allein und ohne Information zu sein.
Im Interview spricht Dr. Babett Baraniec über den Verlauf ihrer Erkrankung und über ihre Teilnahme an einer Studie.
Liebe Babett Baraniec, welche Bedeutung haben Studien für Ihren Krankheitsverlauf?
Dr. Babett Baraniec: „Eine große. Ich werde seit vielen Jahren in zertifizierten Tumorzentren behandelt, wo der Zugang zu Studien leichter ist. Meine einzige Medikamentenstudie war vor etwa sieben Jahren – mit einem Tyrosinkinasehemmer, um das Rezidivrisiko bei Leberkrebs zu senken.
Ich wurde von meinem Arzt direkt angesprochen, die Studie lief in meiner vertrauten Umgebung, ich musste nirgendwo hinfahren. Das war organisatorisch einfach. Leider musste ich nach drei Monaten wegen starker Nebenwirkungen aussteigen. Trotzdem folgte danach meine längste rezidivfreie Zeit – über zwei Jahre. Ob das am Medikament lag, kann man nicht sicher sagen.
Aber klar ist: Auch negative Studienergebnisse bringen uns weiter. Forschung bedeutet immer Lernen – selbst dann, wenn etwas nicht funktioniert.“
Sie spenden regelmäßig Körpermaterial. Warum ist das wichtig?
Dr. Babett Baraniec: „Vor jeder Operation werde ich gefragt, ob ich übrig gebliebenes Material aus der Leber zur Verfügung stelle – und ich sage immer Ja. Das ist wirklich wichtig, weil Forschende auf solche Proben angewiesen sind. Ohne unser Material könnten viele Analysen gar nicht stattfinden. Es wäre schade, das einfach wegzuwerfen.
Auch wenn mal ein, zwei Röhrchen Blut mehr abgenommen werden – das bildet sich wieder. Seit zwölf Jahren stelle ich regelmäßig Proben zur Verfügung: Blut, Gewebe, manchmal auch Restmaterial.
Damit können zirkulierende Tumorzellen oder Biomarker untersucht werden, die zeigen, ob eine Therapie anspricht. Für mich ist das selbstverständlich – ein kleiner Beitrag mit großer Wirkung.“

„Für mich persönlich ist Forschung lebenswichtig“
Wie begegnen Sie Ängsten oder Vorurteilen gegenüber Studien?
Dr. Babett Baraniec: „Ich verstehe diese Sorgen. Aber für mich persönlich ist Forschung lebenswichtig. Ohne sie wäre ich nicht mehr hier – seit 11 Jahren bin ich metastasiert und hätte sonst keine Chance gehabt, meine Tochter aufwachsen zu sehen. Nur durch Forschung entwickeln sich Therapien weiter.
Viele Menschen außerhalb dieses Settings spüren diesen Nutzen nicht so direkt. Sie lesen viel im Internet – über Pharmainteressen, über angebliche Risiken – und verlieren Vertrauen. Ich glaube, da braucht es mehr Aufklärung.
Wir sollten lernen, Forschung als etwas Gesellschaftliches zu begreifen. Was heute erforscht wird, kann morgen unser Leben retten. Wir alle werden älter – und was wir heute unterstützen, kann uns eines Tages selbst helfen.“
Was war an Studien für Sie besonders fordernd?
Dr. Babett Baraniec: „Manchmal sind Studien einfach anstrengend. Zum Beispiel, wenn ich über Monate regelmäßig Fragebögen ausfüllen und zurückschicken sollte. Dann kam das Leben dazwischen – ich bin Mutter, chronisch krank, habe Arzttermine, manchmal auch einen Progress. Da bleibt so ein Fragebogen liegen, weil ich schlicht keine Energie mehr habe.
Ich glaube, vielen geht es so. Wir wollen mitmachen, aber die Hürden sind hoch: Postwege, Papierkram, lange Fahrten zu den wenigen Studienzentren. Da würde es wirklich helfen, wenn vieles digitaler und einfacher wäre.“
Ganz wichtig: Ich darf auch aussteigen, wenn ich merke, dass ich es gerade nicht schaffe. Das ist kein Versagen.
Dr. Babett Baraniec ist Gründerin des Krebs Campus. Wer mehr über den Krebs Campus erfahren, sich mit Menschen vernetzen, Fragen stellen und Wissen teilen möchte, kann hier Mitglied werden. Hier finden Betroffene und Angehörige fundiertes Wissen, praktische Orientierung und Austausch mit anderen Betroffenen.
Wie ermutigen Sie Unentschlossene?
Dr. Babett Baraniec: „Man sollte Nutzen, Risiko und Aufwand abwägen – und sich ruhig Unterstützung holen. Wichtig ist, sich vorher klarzumachen: Warum will ich teilnehmen? Geht es um Hoffnung, um Lebensqualität, um den Beitrag zur Gemeinschaft? Nicht jede Studie bringt individuellen Nutzen, aber jede gute Studie kann die Versorgung verbessern.
Und ganz wichtig: Ich darf auch aussteigen, wenn ich merke, dass ich es gerade nicht schaffe. Das ist kein Versagen. Denn gerade die Studienteilnahme für Krebspatient*innen kann ein großer Aufwand sein – körperlich, emotional, organisatorisch. Niemand sollte sich unter Druck gesetzt fühlen, etwas durchzuhalten, das gerade zu viel ist.“
Text: Charlotte Herold
Über STUDIENWIRKEN
Klinische Studien sind essenziell für Fortschritte in der Medizin, von bahnbrechenden Behandlungen und neuen Krebstherapien bis hin zu Lösungen für schwerwiegende Krankheiten. Doch ohne Studienteilnehmende sind diese innovativen Entwicklungen nicht möglich. Die Initiative STUDIENWIRKEN hat das Ziel, klinische Studien und ihre Relevanz stärker in den Fokus zu rücken. Was genau verbirgt sich hinter einer klinischen Studie? Welche unterschiedlichen Arten gibt es und wer kann daran teilnehmen? Hier erfährst du mehr über die Initiative STUDIENWIRKEN, die Vorteile einer Studienteilnahme und wie du dazu beitragen kannst, die medizinische Zukunft mitzugestalten.
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Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel dient lediglich der Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose. Treten Unsicherheiten, dringende Fragen oder akute Beschwerden auf, solltet ihr eure Ärztin oder euren Arzt kontaktieren oder in der Apotheke um Rat fragen. Über die bundesweite Nummer 116117 ist der ärztliche Bereitschaftsdienst erreichbar.

