Die Nase zu groß, die Augen zu klein, die Haare zu dünn und die Oberschenkel zu rund. Wenn es darum geht, den eigenen Körper zu einer desolaten Großbaustelle zu erklären, sind die meisten Frauen wahrlich Weltmeister. Und das hat nicht unbedingt etwas mit Bescheidenheit zu tun.
Emanzipation und Altlasten
Traurig aber wahr: Trotz Feminismus und neuem Selbstbewusstsein sind viele junge Mädchen und Frauen, was ihren Körper angeht, oftmals immer noch arg verunsichert. Oft wird Frauen schon in jungen Jahren etwas in die Köpfe gesetzt, woran sie nicht selten ein Leben lang zu knabbern haben. Und: Es sieht nicht gerade so aus, als würde sich das Problem verringern.
Eine Studie der britischen Fitness-Trainerin Irene Estry und der Psychologin Emma Kenny hat ergeben, dass Frauen rund 36 Mal am Tag negativ über ihr Aussehen denken. Das sind ganze 252 Mal pro Woche.
Für die Studie wurden 100 britische Frauen zwischen 35 und 69 gebeten, eine Woche lang ein Zählgerät bei sich zu tragen und dieses immer dann zu betätigen, wenn sie sich um ihr Aussehen oder ihren Körper sorgten. Wie kommt es, dass so viele Frauen sich selbst so negativ sehen?
Frauen vom Schönheitswahn befreien
Bei den Gründen, so das Fazit von Dieter Korczak für sein Forschungsprojekt Schönheitsoperationen: Daten, Probleme, Rechtsfragen, spielen sowohl die „medizinische als auch die psychosoziale und ästhetische Komponente eine Rolle. Letztere ist häufig von Faktoren, wie Scham, Selbstzweifel, Körperkontrolle, Narzissmus, Anti-Aging und sozialer Akzeptanz geprägt.“
Ein Grund sind aber sicher auch die viel gescholtenen Medien. Denn die Bilder, die uns umgeben, prägen mehr, als uns bewusst sein mag. Obwohl viele junge Mädchen und Frauen es besser wissen, eifern sie unbewusst den makellosen Schönheiten in den Hochglanzmagazinen und auf Social Media nach, an denen die Zeit und das Alter dank Bildbearbeitungsprogrammen keine Spuren hinterlässt.
Wir bewundern die berufsjugendlichen Promis in Amerika, die Size Zero und Botox populär machen. Wir blicken auf Insta in das Filter-reiche wunderschöne Leben der anderen, auf perfekte After-Baby-Bodys und die scheinbare Leichtigkeit des Schönseins.
Da ist es kaum erstaunlich, dass sich schon kleine Mädchen mit zehn Jahren zu dick finden und die Posen von Heidi Klums Modelkandidatinnen nachahmen. Wenn doch ihre Mütter ebenfalls ständig mit ihrem Körper hadern, wie sollen sie es da besser wissen? Gerade Jugendliche in der Pubertät sind in ihrem Selbstbild wenig gefestigt und lassen sich leicht irritieren.
Wenn wir die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zitieren wollen: „Das Figurideal heißt: schlank. Wer schlank ist, ist nicht nur schön und attraktiv, sondern auch dynamisch und erfolgreich im Beruf und im Privatleben – so machen es uns die Medien glauben. Die Topmodels zeigen auf dem Laufsteg und im Fernsehen, was schlank sein heißt. Viele sind ultradünn und haben das Gewicht einer Magersüchtigen.„
Mit gravierenden Folgen: Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts weisen rund 33,6 Prozent der Mädchen und 12 Prozent der Jungen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren Symptome einer Essstörung auf.
Klar, es gibt prominente Frauen wie Beyoncé, Beth Dito und Adele, die uns zeigen, dass es auch jenseits von Size Zero aufregende Persönlichkeiten gibt. Und auch die Aktion der Zeitschrift Brigitte, die auf professionelle Models verzichtete, und eine Bodylotion-Werbung mit normalen, kurvigen Frauen sind gute Ansätze.
Aber selbst wollen die meisten dann doch lieber perfekt aussehen, wenn sie ehrlich sind. Zumal uns weiterhin zu 90 Prozent perfekte Models von den Plakatwänden entgegenlächeln. Erfreuliche Entwicklungen wie Bodypositivity und Diversity machen derzeit ja schon wieder eine erschreckende Rückwärtsrolle.
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Kampf und Training
Frauen lernen von klein auf: der eigene Körper ist nicht perfekt. Sondern eher eine einzige große Problemzone. Sie sollen hungern, trainieren, mit Make-up konturieren, die Lippen ausgespritzt, die Wimpern verdichtet. Alles irgendwie eine ständige Selbstoptimierung, ohne jemals ein Ende zu sehen.
Durch Disziplin und harte Arbeit wird der eigene Körper zum Feind erklärte, bekämpft und bezwungen. Irrsinnig, wenn man überlegt, wie viel Lebenszeit und vor allem Kraft viele mit diesem rein äußerlichen Problem verbringen.
Die Folgen des fehlenden Selbstwertgefühls rauben nicht nur Zeit, sondern gehen oft an die Substanz: Essstörungen, Depressionen und Schlankheitswahn. Eine ganze Armada von Light-Lebensmitteln, Pillen und Cremes ist entstanden, um uns genau da abzuholen, wo uns unser zerstörtes Selbstbild frustriert vor dem Spiegel zurückgelassen hat.
Auch die Schönheitschirurgie ist längst nicht mehr so verpönt wie noch vor einigen Jahren, sondern bedient die Wünsche und Nöte einer immer größer werdenden Klientel. Laut Statista zählte die International Society of Aesthetic Plastic Surgery im Jahr 2024 weltweit rund 38 Millionen Schönheitsoperationen. Davon waren knapp die Hälfte chirurgische Eingriffe.
Das Ergebnis der Umfrage: „Die weltweite Zahl von Schönheitsoperationen und -prozeduren hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt: so werden heute über 23 Millionen Prozeduren mehr durchgeführt als noch im Jahr 2010 – ein Anstieg von rund 169 Prozent.“
Wege aus dem falschen Selbstbild: Tipps für mehr Selbstwertgefühl
Um aus dem ganzen Schlamassel herauszukommen, sollten wir der inneren Stimme, die uns schon morgens beim Blick in den Spiegel sagt, dass wir Ringe unter den Augen und einen zu dicken Po haben, aktiv den Kampf ansagen. Schluss mit der harschen Kritik, die sich viel zu viele Frauen täglich selbst auftischen. Klar: das geht nicht einfach so, von heute auf morgen. Aber es lässt sich daran arbeiten.
Schluss mit der gnadenlosen Selbstkritik
Das heißt nicht, dass sich jede*r wie in einem schlechten Motivations-Seminar ein freudiges: „Du bist toll! Du bist schön!“ vor dem Spiegel entgegenschmettern muss. Es heißt ganz einfach, dass wir uns mit uns selbst anfreunden müssen. Jedem Kritikpunkt muss auch etwas Gutes entgegengesetzt werden. Der Po ist zu dick? Schön, dafür ist er in der Lieblingsjeans ein toller Hingucker. Die Nase ist zu groß? Vielleicht ist genau das das gewisse Etwas, das unser Gesicht ausdrucksstark und besonders macht.
Dr. Frauke Höllering, Allgemeinärztin mit Schwerpunkt Psychosomatik und Sexualmedizin, rät: „Jeder sollte sich fragen, was besonders schön an ihm ist, und das mit seinem Styling unterstreichen: Eine schöne Haut, ein üppiges Dekolleté, eine schlanke Taille, ausdrucksstarke Augen, schöne Haare …„
Schluss mit dem Perfektionismus
Viele Menschen bauen ihr Selbstwertgefühl auf ihrem Äußeren und auf der Anerkennung der anderen auf. Schön, jung, erfolgreich und beliebt. Das ist das Ideal, das überall Anerkennung findet. Aber wie ist es mit dem positiv denkenden Lebenskünstler, der zwar beruflich in der Kreisliga spielt und auch nicht wie George Clooney aussieht, aber eine tiefe, innere Zufriedenheit ausstrahlt? Eine positive Ausstrahlung und innere Zufriedenheit können einen Menschen unglaublich schön machen.
Wer sein Selbstwertgefühl nur auf Äußerlichkeiten aufbaut, wird auch schnell merken, dass es verletzbar und vergänglich ist. Und steht jemand unter Druck und ist permanent unzufrieden, zeigt sich das auch in seinem Äußeren.
„Haltung ist wichtiger als Schönheit: Wer aufrecht geht und dem Gegenüber ins Auge schaut, wirkt gleich ganz anders„, erklärt auch Dr. Frauke Höllering. Und noch etwas ist wichtig: Lächeln. „Viel zu wenig Menschen lächeln freundlich, wenn sie einen Raum betreten oder sich anderen vorstellen. Warum eigentlich?“
Ecken und Kanten lieben lernen
Wir sollten früher oder später damit anfangen, unsere körperlichen Unzulänglichkeiten zu akzeptieren. So wie wir auch den kleinen Bauch oder die beginnenden Geheimratsecken unseres Liebsten oder unserer Liebsten niemals mit Grauen betrachten würden, so sollten wir auch mit uns selbst sorgsamer umgehen und uns nicht für unsere Fehler hassen.
Wir haben viele Vorzüge, innere und äußere, und sind auch mit kleinem Bauch und anderen vermeintlichen Makeln wertvoll. Und: In anderen Zeiten und in anderen Kulturen gehörte und gehört nicht unbedingt eine ultramagere Frau zum Schönheitsideal. Aber gut, dass skinny gerade wieder voll im Kommen ist.
Nein sagen lernen
Irgendwann finden wir unseren eigenen Stil, im Leben wie in unserem Aussehen. Wir beginnen, nicht mehr „wie alle“ aussehen zu wollen und jedem Trend hinterherzurennen. Wir fangen an, die Schönheiten in den Medien kritischer zu betrachten.
Wir wissen, dass kaum eine normale Frau diesem Ideal entspricht, und wir wissen, dass selbst die Magazin- und Insta-Beautys nur dank Bildbearbeitung und Filtern so makellos wirken. Wir sollten beginnen, ‚Nein‘ zu sagen. Und unsere eigene Vorstellung von Schönheit zu kreieren. Eine, die uns entspricht und der wir entsprechen können.
Durch die Augen der Freund*innen
Was wir noch tun können: Menschen fragen, die uns so mögen, wie wir sind. Unsere Freund*innen. Unsere Familie. Wir werden merken: So kritisch, wie wir uns betrachten, sieht uns unsere Umwelt nicht. Frag deine Freund*innen und bitte sie um eine ehrliche Meinung, was an dir auffallend und besonders ist. Das freche Lächeln, die eisblauen Augen, die langen Haare oder die spezielle Art, sich zu bewegen … da gibt es mit Sicherheit einiges.
Das Gute: Die meisten Frauen werden mit zunehmendem Alter selbstbewusster. Sie wissen, was sie wollen, und strahlen das auch aus. Irgendwann werden hoffentlich alle Frauen merken, dass sie an innerer Schönheit gewinnen, auch wenn sich hier und da die ersten Fältchen einstellen. Ganz sicher.



