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Die Teilzeit-Lüge: Warum „weniger arbeiten“ für mich oft nach mehr aussieht

Frau mit braunen Haaren sitzt gestresst am Schreibtisch und hält die Hand an die Schläfe.
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Vorab im Video: Mom-Shaming: Sätze, die im Teilzeitjob richtig nerven

Als Mama Teilzeit zu arbeiten ist der leichte Weg? Ganz sicher nicht! Doch die Meinung hält sich hartnäckig. Warum Teilzeit nichts mit Freizeit zu tun hat.

Ich arbeite Teilzeit – weil ich Mama bin. Wenn ich diesen Satz ausspreche, klingt es immer noch ein bisschen so, als hätte ich mich für die entspanntere Variante des Lebens entschieden. Nachmittags Zeit für das Kind, ein bisschen Haushalt nebenbei, vielleicht sogar ein Kaffee in der Sonne, während die Waschmaschine läuft. So sieht zumindest das Bild aus, das viele im Kopf haben.

Die Realität fühlt sich anders an und sieht auch anders aus. Sie ist komplexer, komplizierter und ehrlicherweise oft anstrengender, als ich es selbst erwartet hätte.

Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich auf eine Vorstellung hereingefallen bin, die sich hartnäckig hält: die Idee, Teilzeit sei automatisch die leichtere Lösung. Denn was ich erlebt habe, nenne ich inzwischen liebevoll die Teilzeit-Lüge.

Weniger Stunden = weniger Erwartungen?

Als ich meine Stunden reduziert habe, dachte ich naiv, dass sich auch meine Aufgaben entsprechend verkleinern würden. Dass Projekte angepasst und Ziele realistischer gesteckt wurden.

Was tatsächlich passiert ist: Die Erwartungen sind geblieben. Aber die Erwartungen von meiner Seite aus. In vielen Situationen habe bzw. hatte ich das Gefühl, ich muss genauso viel schaffen wie eine Vollzeitkraft. Was natürlich nicht geht. Doch innerlich wächst der Druck.

Was ich daraus gelernt habe? Ich arbeite heute konzentrierter als je zuvor. Meine Tage sind durchgetaktet und meine To-do-Listen gut organisiert. Dabei solltet ihr den wichtigsten Punkt nicht aus den Augen lassen: Nehmt euch selbst den Druck, genau so viel zu schaffen wie andere. Das geht nicht und muss auch nicht!

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Der zweite Arbeitstag beginnt zu Hause

Wenn du das Büro verlässt oder den Laptop zuklappst, endet der Arbeitstag. Normalerweise. Für eine Mama (oder manchmal auch einen Papa) nicht. Denn was die Statistik nicht erfasst, ist der Teil des Tages, der danach beginnt.

Sobald ich meinen Laptop schließe, öffnet sich gedanklich die nächste Liste: Brauchen wir neue Turnschuhe fürs Kinderturnen? Ist genug Obst für die Woche da? Wann war nochmal der Zahnarzttermin? Und wer hat eigentlich zugesagt, beim Kuchenverkauf von der Kita am Wochenende mitzuhelfen?

Teilzeit bedeutet für mich nicht, am Nachmittag frei zu haben. Es bedeutet die Erwerbsarbeit gegen Care-Arbeit einzutauschen. Mit genauso viel Verantwortung, nur ohne Gehalt und ohne Feierabendgefühl.

Ich möchte für mein Kind da sein, und ich bin es auch gern. Aber diese Zeit ist nicht automatisch entspannt. Sie ist voll mit Organisation, Begleitung, Konfliktlösungsmanagement, emotionaler Präsenz und ganz vielen kleinen Entscheidungen, die niemand sieht, die aber trotzdem getroffen werden müssen.

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Das schlechte Gewissen kennt keine Stundenzahl

Was mich am meisten überrascht hat, ist nicht die Müdigkeit (damit habe ich gerechnet), sondern das doppelte schlechte Gewissen, das sich manchmal leise einschleicht.

Im Job frage ich mich, ob ich genug Präsenz zeige oder ob ich untergehe. Ob ich trotz reduzierter Stunden als engagiert wahrgenommen werde und ob ich langfristig beruflich mithalten kann. Ich möchte ernstgenommen und wahrgenommen werden, und gleichzeitig pünktlich gehen, weil die Kita schließt.

Zu Hause wiederum frage ich mich, ob ich wirklich präsent bin oder gedanklich noch bei der Arbeit hänge. Ob ich geduldig genug reagiere, wenn mein Kind mir zum dritten Mal dieselbe Geschichte erzählt, während ich innerlich den Einkaufszettel durchgehe.

Es ist ein ständiges Austarieren zwischen zwei Welten, die beide wichtig sind und beide ihren Anspruch an mich stellen.

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Die unsichtbare Denkarbeit

Ein großer Teil dessen, was Teilzeit so fordernd macht, liegt in der unsichtbaren Denkarbeit, die parallel läuft. Ich plane meine Artikel für die nächste Woche und Elternabende, behalte Projektdeadlines im Blick und gleichzeitig die nächste U-Untersuchung.

Diese mentale Last ist schwer zu greifen und schwer zu verstehen für Außenstehende. Weil sie nicht laut ist. Sie besteht aus Erinnern, Vorausdenken, Organisieren und dem ständigen Gefühl, an alles (wirklich alles) denken zu müssen. Selbst wenn ich offiziell Feierabend habe, läuft im Hintergrund ein innerer Kalender weiter.

Teilzeit reduziert meine Stunden auf der Arbeit, aber sie reduziert nicht die Gesamtverantwortung meines Lebens. Sie verschiebt sie, sie setzt neue Prioritäten und verlangt ein hohes Maß an Organisation und Energie.

Warum ich mich trotzdem wieder so entscheiden würde

Trotz aller Ehrlichkeit über die Belastung, würde ich diesen Weg doch wieder wählen. Nicht, weil er einfach ist, sondern weil er für mich Sinn ergibt.

Ich schätze die Nachmittage mit meinem Kind, die Gespräche über den Kitaalltag, das gemeinsame Basteln, das spontane Kuscheln auf dem Sofa. Gleichzeitig gibt mir meine Arbeit Struktur, Unabhängigkeit, Herausforderung und das gute Gefühl, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

Teilzeit fühlt sich für mich nicht wie ein halber Kompromiss an, sondern wie ein bewusster Spagat zwischen zwei Lebensbereichen, die beide zu mir gehören. Ein Spagat, der Kraft kostet, aber auch Stärke zeigt.

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Mein Wunsch: Ehrlicher über Teilzeit sprechen

Was ich mir wünsche, ist ein ehrlicher Blick auf dieses Modell. Teilzeit ist kein Synonym für Entlastung und kein gemütlicher Mittelweg zwischen Karriere und Familienleben. Sie bedeutet einen hohen Anspruch an Organisationsleistung, die viel Disziplin, Unterstützung und faire Rahmenbedingungen braucht.

Die eigentliche Teilzeit-Lüge besteht darin zu glauben, dass weniger bezahlte Stunden automatisch weniger Gesamtbelastung bedeuten. Für mich bedeutet Teilzeit nicht halb so viel Arbeit, sondern eine andere Verteilung.

Ich bin Mama. Ich arbeite Teilzeit. Und ich leiste viel, im Job wie zu Hause. Nicht immer perfekt und nicht immer gelassen, aber immer mit ganzem Einsatz. Vielleicht ist genau das die Wahrheit, über die wir öfter sprechen sollten.

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