Ich sage es ganz ehrlich: Ich wollte nie die Mutter sein, die ständig schimpft oder laut wird. Und trotzdem höre ich mich manchmal Sätze sagen, bei denen ich innerlich zusammenzucke.
Nicht, weil ich mein Kind nicht liebe, sondern weil mir der Alltag manchmal zu viel wird, weil ich müde bin, weil alles einfach gleichzeitig passiert und jeder etwas von mir möchte.
Schimpfen hat nichts mit Erziehung zu tun
Mit der Zeit habe ich gemerkt: Viele Situationen, in denen ich früher mit meinem Kind geschimpft habe, hatten weniger mit einem echten „Fehlverhalten“ zu tun, sondern einfach mit ganz normaler kindlicher Entwicklung.
Schimpfen ist kein gutes Erziehung-Tool. Schimpfen zeigt oft nur, wie überfordert wir Eltern sind, wie frustriert oder wie ohnmächtig wir uns fühlen, wenn uns das Verhalten unserer Kinder triggert.
Gefühle verstehen und begleiten
Heute versuche ich bewusst, nicht mehr die „Abkürzung schimpfen“ zu nehmen, sondern meinen Sohn in schwierigen Situationen zu begleiten.
Weil ich verstehe, dass viele dieser Momente gar keinen Tadel brauchen. Ist das ungewohnt und teilweise sehr anstrengend, oh ja! Doch es lohnt sich, versprochen. Weil nicht nur dein Kind profitiert, sondern auch du selbst.
Wenn auch du bisher regelmäßig schimpfst, dann kommen hier 10 typische Ärger-Situationen, die dir vielleicht die Augen öffnen.
1. Schimpfen wegen Gefühlsausbrüchen
Wenn ein Kind wütend wird, weil der Becher die falsche Farbe hat oder die Banane falsch geschält wurde, wirkt das aus Erwachsenensicht irrational. Ich denke: Es ist doch nur ein Becher oder eine Banane.
Aber für ein Kind ist es nie „nur“ etwas. Gefühle sind nicht relativiert durch Erfahrung. Sie kommen mit voller Wucht. Das Gehirn ist noch nicht in der Lage, Emotionen zu regulieren wie wir Erwachsenen es (meistens) können.
Früher habe ich versucht, diese Gefühle wegzuerziehen. „Jetzt beruhige dich doch mal, so schlimm ist das doch nicht.“ Heute weiß ich, dass Gefühle nicht kontrolliert, sondern begleitet werden sollten. Mein Kind braucht in dem Moment keinen Vortrag, sondern einen ruhigen Anker an seiner Seite, der ihn durch das Gefühlschaos begeleitet.
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2. Schimpfen wegen Langsamkeit
Morgens, wenn die Uhr tickt, kann Langsamkeit wahnsinnig machen. Schuhe werden angestarrt, als hätte man sie noch nie gesehen. Socken fühlen sich plötzlich „komisch“ an. Und während ich innerlich schon bei der Arbeit bin, lebt mein Kind komplett im Hier und Jetzt.
Kinder haben kein eingebautes Zeitmanagement. Sie priorisieren nicht nach Effizienz, sondern nach Interesse. Und manchmal verlieren sie sich einfach in Kleinigkeiten, die für sie gerade riesig sind.
Wenn ich dann schimpfe, beschleunigt das selten etwas. Es erhöht nur den Druck. Und Druck macht selten schneller. Meistens macht er nur angespannter.
3. Schimpfen wegen kindlicher Neugier
Was habe ich mir damals gewünscht, dass mein Sohn endlich spricht und ich mit ihm richtig reden kann. Doch einen Nachteil habe ich dabei vergessen. Es gibt nämlich Tage, da fühle ich mich wie ein wandelndes Lexikon. „Warum ist der Himmel blau?“ „Warum wird es nachts dunkel?“ „Wieso dreht sich die Waschmaschine?“
Diese endlosen Fragen können erschöpfend sein. Aber sie sind ein Zeichen dafür, dass ein kleines Gehirn gerade auf Hochtouren arbeitet. Neugier ist die Grundlage von Lernen. Wenn ich genervt reagiere, lernt mein Kind vielleicht nicht weniger. Aber es lernt, dass Fragen stören. Und das möchte ich nicht vermitteln.
Manchmal sage ich trotzdem ehrlich, dass ich eine kurze Denkpause brauche. Und das ist okay. Aber Neugier selbst sollte nie etwas sein, für das ein Kind sich schlecht fühlen muss.
4. Schimpfen wegen Ungeschicklichkeit
Das umgekippte Glas. Der heruntergefallene Schlüssel. Der Fleck auf dem frisch angezogenen Shirt. Im Stressmoment sieht man nur die zusätzliche Arbeit. Aber eigentlich sehe ich gerade ein Kind, das motorisch noch lernt. Koordination ist kein Schalter, den man umlegt. Sie entwickelt sich mit der Zeit.
Wenn ich in solchen Momenten schimpfe, merkt mein Kind nicht, dass es vorsichtiger sein soll. Es merkt: „Ich mache Dinge kaputt.“ Und das fühlt sich für das Kind ganz anders an. Ein ruhiges, „Komm, wir wischen das zusammen auf“, verändert die Botschaft komplett.
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5. Schimpfen wegen Ehrlichkeit
Wenn mein Kind zugibt, etwas angestellt zu haben, ist das eigentlich ein Vertrauensbeweis. Es hätte auch schweigen oder lügen können. Wenn auf dieses Geständnis sofort Wut folgt, lernt es nicht Verantwortung, sondern Vermeidung. Ehrlichkeit braucht Sicherheit. Auch wenn Konsequenzen dazugehören dürfen.
Ich versuche inzwischen, zuerst zu würdigen, dass mein Kind so viel Vertrauen zu mir hat und sein Missgeschick gebeichtet hat. Alles Weitere kann man dann immer noch klären.
6. Schimpfen wegen Schüchternheit
Nicht jedes Kind stürmt fröhlich in die Gruppe. Manche beobachten erst und brauchen länger, um warm zu werden.
Früher hatte ich Bedenken, mein Kind könnte „zu schüchtern“ sein. Ich wollte es motivieren und manchmal vielleicht sogar drängen, offener zu sein. Heute sehe ich, dass Rückzug kein Defizit ist. Es ist einfach sein Charakter.
Kinder dürfen unterschiedlich sein. Sie sind laut oder leise. Draufgängerisch oder vorsichtig. Wenn wir sie ständig für ihr Wesen korrigieren, vermitteln wir unterschwellig: So wie du bist, reicht mir das nicht.
7. Schimpfen wegen Bewegungsdrang
„Sitz still und hampel beim Essen nicht so rum.“ Ein Satz, den Kinder wahrscheinlich unfassbar oft hören. Dabei sind ihre Körper auf Bewegung programmiert. Rennen, klettern, springen. Das alles ist kein Störfaktor, sondern gehört zur Entwicklung. Bewegung ist dazu da, um die Motorik zu trainieren und ein gesundes Körpergefühl zu entwickeln.
Natürlich gibt es Situationen, in denen Ruhe nötig ist. Aber ich habe gelernt zu unterscheiden, ob mein Kind gerade respektlos ist oder einfach nur voller Energie. Oft ist es Letzteres.
8. Schimpfen wegen Vergesslichkeit
Vergessene Brotdosen, nicht eingepackte Sportsachen oder Unterschriften, die nie abgegeben wurden. Es ist leicht, das als Nachlässigkeit zu sehen. Aber das Gehirn, insbesondere der Bereich für Planung und Organisation, reift bis ins junge Erwachsenenalter.
Kinder vergessen Dinge nicht, um einen zu ärgern. Sie vergessen sie, weil sie noch lernen, Verantwortung zu strukturieren. Hier helfen Routinen, Checklisten, Erinnerungen, aber kein Schimpfen oder laut werden.
9. Schimpfen wegen Widerspruch
Momentan ist „Nein“ das Lieblingswort meines Sohnes. Wenn er das sagt, fühlt sich das manchmal wie ein Machtkampf an. Als würde meine Autorität infrage gestellt.
Aber Widerspruch ist ein Zeichen von Selbstständigkeit. Kinder testen ihre Grenzen, um sich selbst zu finden. Sie üben dadurch, eine eigene Meinung zu haben. Natürlich heißt das nicht, dass alles diskutiert werden muss. Aber ein Kind, das lernt, respektvoll zu widersprechen, entwickelt Selbstbewusstsein. Und genau das wünschen wir uns doch eigentlich für später.
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10. Schimpfen aus Stress
Das ist der schwierigste Punkt. Denn er hat mit mir zu tun.
Es gibt Tage, da ist mein Nervensystem am Limit. Zu wenig Schlaf, zu viele To-dos, zu viele Reize. Und dann reicht eine Kleinigkeit, eine klitzekleine Kleinigkeit, und ich werde laut.
In solchen Momenten geht es nicht um mein Kind. Es geht um meine Überforderung. Und das zu erkennen ist unangenehm, aber unglaublich heilsam. Mein Kind ist nämlich nicht verantwortlich für meine Erschöpfung. Wenn ich das vergesse, schimpfe ich für Dinge, die eigentlich nichts mit ihm zu tun haben.
Was mache ich jetzt anders?
Ich schimpfe immer noch. Ich bin kein Zen-Mensch mit Dauerlächeln, der immer ruhig bleibt. Aber ich halte öfter inne und frage mich: Ist das wirklich Ungehorsam oder einfach Entwicklung? Braucht mein Kind gerade Korrektur oder Begleitung?
Kinder müssen Grenzen lernen. Keine Frage. Aber sie sollten nicht das Gefühl entwickeln, dass ihre Persönlichkeit ein Problem ist.
Vielleicht geht es am Ende nicht darum, nie laut zu werden. Sondern darum, bewusst zu wählen, wann es wirklich nötig ist und wann ein bisschen mehr Verständnis die stärkere Antwort wäre.
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