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Warum Teenager Meister darin sind, unsere wunden Punkte zu treffen

Porträt von Mutter und Sohn. Beide sitzen auf dem Boden vor einer weißen Wand, die Mutter schaut in die Kamera, der Sohn schaut seine Mutter an.
© Getty Images/ Heide Benser

Vorab im Video: Wenn Kommunikation mit Teenagern zur Herausforderung wird

Du liebst dein Kind, aber manchmal ist dein Teenager kaum auszuhalten? Warum das vielen Eltern so geht und was wirklich dahinter steckt.

Ich habe über die letzten 15,5 Jahre so viel Geduld dazu gewonnen, dass ich mich selbst in einen zen-ähnlichen Zustand versetzen kann und absolut nichts bringt mich aus der Fassung. Also, fast nichts. Denn meine beiden Teenies haben Kräfte entwickelt, die mich im Schlaf hochschrecken und Wutausbrüche haben lassen. Also, auch fast.

Es gibt regelmäßig Momente, in denen ich zum Beispiel einfach nur in der Küche stehe, mich um mich kümmere und eines der Kinder kommt dazu und verdreht aus dem Nichts die Augen und murmelt vielleicht noch etwas Und dann spüre ich, wie die Wut in mir aufsteigt und versucht, sich einen Weg nach draußen zu bahnen.

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Gleichzeitig regt sich in mir noch was: das schlechte Gewissen. Denn ich bin in dieser Situation die Erwachsene, die, die gelernt hat, ihre Emotionen zu kontrollieren. Aber warum um Himmels Willen triggern mich meine Kinder so sehr und das auch noch so treffsicher?

Das Kind in der Pubertät

Die Pubertät ist ja sowas wie der Endgegner vieler Eltern. Denn die Geschichten rund um durchdrehende, rebellierende Teenager, die ihre Eltern in den Wahnsinn treiben, hört man eigentlich schon, während man noch schwanger ist. Man hat also sehr viel Zeit, sich richtig schön nervös zu machen.

Und ja, wenn die Pubertät erst mal richtig kickt, wie man so schön sagt, dann sind Kinder launischer, auch mal abweisend und gerne überheblich. Einfach deshalb, weil ihr Gehirn komplett umgebaut wird. Und sie fallen nun mal nicht in einen vierjährigen Schlaf und erwachen dann neu und richtig verkabelt. All das passiert, während sie weiter funktionieren müssen.

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Ich (und einige von euch vielleicht auch) halte also nicht meine Kinder manchmal nicht aus, sondern die Entwicklungsphase, in der sie sich befinden. So weit, so gut.

Die Sache mit der Autonomie

Die Pubertät, das haben viele von euch sicher auch schon mal gehört, ist auch eine Phase der Ablösung. Freund*innen rücken in den Fokus und oft sieht man seine Kinder nur noch zum Essen. Ein bisschen fühlt man sich aufs Abstellgleis gestellt. Und die Distanz, die die Kinder suchen, selbst, wenn sie zu Hause sind, fühlt sich sehr persönlich an.

Meistens meinen die Kids bei einem ‚Lass mich in Ruhe‘ aber nicht, ich hab dich nicht mehr lieb (was wir herauszulesen meinen), sondern sie sind auf der Suche nach sich selbst. Suchen sie das Weite, versuchen sie, herauszufinden, was sie wollen und wer sie eigentlich sind.

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Teenager triggern unsere Unsicherheiten

Wir fühlen uns von unseren Teenagern zurückgewiesen, weil sie auf Distanz zu uns gehen. Aber reagieren wir deshalb mitunter so ungehalten auf ein Augenrollen oder ‚Chill mal‘? Eher nicht. Wir reagieren über, weil Teenager ziemlich gut darin sind, unsere wunden Punkte zu treffen. Oft haben wir selbst Angst, ob nun bewusst oder unbewusst, nicht ernst genommen zu werden, die Kontrolle zu verlieren oder von denen, die wie lieben, kritisiert zu werden.

In gewisserweise testen unsere Kinder unsere emotionale Stabilität und das fühlt sich ehrlicherweise unerträglich an.

Es liegt nicht an ihnen, sondern an uns

Niemand von uns Eltern lebt in einem, sagen wir, pädagogischen Vakuum. Zwischen Job, Mental Load, Nachrichtenlage, digitalem Dauerrauschen und dem eigenen Anspruch, alles richtig machen zu wollen, sind wir Eltern einfach chronisch erschöpft. Und wenn der Teen einem dann sagt, ‚Mir doch egal!“ oder „Weiß nicht“, reagiert unser überreiztes Nervensystem.

Dann ist das der Tropfen, der alles zum Überlaufen bringt und man braucht Abstand. Und ich dachte lange, dass das mein Problem sei, eine Schwäche, meine Ungeduld. Aber wenn man es genauer betrachtet, ist das ein Zeichen von Selbstwahrnehmung. Denn ich bin mir sehr bewusst, dass ich gleich explodiere und entziehe mich und meine angespannten Nerven der Situation.

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Und noch etwas ist mir bewusst geworden. Meine Teenager erinnern mich zum Teil sehr an mich. Und meine damalige Motivation, einen Streit vom Zaun zu brechen oder so lange am Ball zu bleiben, bis man seinen Willen durchsetzen konnte. Gut gemacht, Karma, wirklich gut gespielt.

Nicht aushalten heißt nicht, nicht lieben

Ja, ich finde meine Kinder immer mal anstrengend, sogar sehr anstrengend. Aber das mindert kein bisschen meine Liebe für die beiden. Vermutlich muss man auch in Sachen Erziehung einfach die Gleichzeitigkeit von Dingen akzeptieren. Ich liebe meine Kinder und trotzdem gehen sie mir manchmal richtig auf den Zeiger. Ich kann super stolz auf die beiden und gleichzeitig super überfordert von ihnen sein.

Erziehung in der Pubertät vereint nämlich auch viel Gegensätzliches. Ich gebe meinen pubertierenden Kindern Halt, während ich sie loslassen muss. Ich muss ihnen Grenzen setzen, sie aber auch ziehen lassen, ich will sie zu starken sebstständigen und unabhängigen Personen machen, darf aber nicht alles persönlich nehmen. Sehr oft sind also nicht meine Teenager das Problem, sondern mein Energielevel.

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