Ironie gehört für viele Erwachsene zum Alltag. In angespannten und unangenehmen Situationen wirkt sie witzig, entlastend und manchmal sogar liebevoll. In der Erziehung ist Ironie aber kein harmloses Mittel. Aus mehreren Gründen.
Ab wann verstehen Kinder Ironie?
Fakt ist: Unter sechs Jahren verstehen Kinder Ironie in der Regel nicht (zuverlässig). Sie nehmen Aussagen ganz einfach wörtlich.
Ungefähr im Grundschulalter entwickeln sie die Fähigkeit, zwischen Tonfall, Kontext und eigentlicher Bedeutung zu unterscheiden. Aber selbst dann gilt: Je jünger das Kind, desto unsicherer die Interpretation.
Junge Kinder denken oft geradeaus und konkret. Ironie ist da sehr anspruchsvoll und kann zu Verständnisproblemen führen. Sagt man also beispielsweise zu einem Fünfjährigen, „Das hast du ja wieder fantastisch hingekriegt“, ist es sehr wahrscheinlich, dass er genau das glaubt. Oder, schlimmer, er spürt Kritik, kann sie aber nicht einordnen.
Warum wir Ironie überhaupt nutzen
Ironie ist ein Ventil, auch für Eltern. Denn wenn man zum zehnten Mal das Gleiche sagen muss, um das Kind an Aufgaben oder das Zähneputzen zu erinnern, geht einem ein ironischer Kommentar leichter über die Lippen als der x-te sachliche Hinweis. Und, es fühlt sich besser an, als laut zu werden. Denn Ironie kann so einiges:
- Spannung abbauen
- Nähe herstellen
- Humor zeigen
- Konflikte entschärfen
Das funktioniert unter Erwachsenen gut, denn wir sind in der Lage zwischen Gesagtem und Gemeintem zu unterscheiden. Kinder können das aber nicht automatisch. Und das kann ein großes Problem sein.
Was Ironie mit dem Selbstwert machen kann
Kinder entwickeln ihr Selbstbild durch Spiegelung. Das, was wir sagen, wird zu ihrer inneren Stimme. Wir haben es also in der Hand, unser Kind dabei zu unterstützen, zu einem selbstbewussten Menschen zu werden. Und, wenn man nicht aufpasst, kann man auch unbewusst dafür verantwortlich sein, wenn es ihm genau daran mangelt.
Lies dazu auch: Zitronen-Prinzip: Wie du das Gehirn deines Kindes auf Selbstbewusstsein programmierst
Ironische Kritik ist dabei besonders tückisch, weil sie ist:
- indirekt
- emotional aufgeladen
- schwer greifbar
Ein Kind merkt sehr wohl, dass irgendetwas nicht stimmt, aber es kann nicht verstehen, was genau das ist. Und das kann zu großer Unsicherheit führen. Und Unsicherheit ist nun mal der größte Feind des Selbstbewusstseins.
Wenn du also das Ziel verfolgst, einen selbstbewussten, mutigen, empathischen Menschen zu erziehen, solltest du genauer auf deine Sprache achten.
Wann Ironie richtig schadet
Selbst dann, wenn ein Kind das Konzept Ironie bereits verstanden hat und es sogar selbst anwendet, kann sie großen Schaden anrichten. Nämlich dann, wenn sie:
- regelmäßig als versteckte Kritik eingesetzt wird
- in stressigen Momenten abwertend klingt
- Macht demonstrieren soll
- vor anderen Kindern oder Erwachsenen geäußert wird
Sätze wie, „Na klar, du bist ja auch ein absolutes Mathe-Ass“, können sich tief einprägen. Nicht etwa, weil das Kind die Ironie und den Witz dahinter nicht versteht, sondern weil es eigentlich Loyalität von seinen Eltern erwartet. Und Klarheit. Ironie wirkt in einem solchen Moment aber wie Spott, und das verletzt, selbst, wenn es gar nicht spöttisch gemeint ist.
Wann Ironie positiv wirkt
Damit Ironie ihre positiven Eigenschaft entfalten kann, nämlich Spannung abbauen, Nähe herstellen, Humor zeigen und Konflikte entschärfen, braucht es gewisse Voraussetzungen.
1. Das Kind muss alt genug sein
Schon mit acht oder neun Jahren sind Kinder in der Lage, Ironie zu erkennen und zu verstehen. Und das ist auch das Alter, in welchem sie selbst und bewusst anfangen, Ironie zu nutzen.
2. Die Beziehung muss stabil sein
Ironie kann nur positiv wirken, wenn die Beziehung zwischen den Parteien, die sie nutzen, stabil ist. Fühlt dein Kind sich also grundsätzlich von dir angenommen, kann es ironische Kommentare von dir besser einordnen.
3. Ironie nie auf Kosten des Kindes
Wer ironisch über sich selbst spricht (Selbstironie) stärkt die Nähe zum Kind. Richtet sich die Ironie aber gegen das Kind, wirkt sie spöttisch oder herablassend, dann kann das eure Beziehung und das Vertrauen deines Kindes in dich schwächen.
Ist Ironie pädagogisch sinnvoll?
Kindererziehung ist immer individuell, so wie wir Menschen individuell sind. Dennoch gilt, dass eine klare, direkte und ehrliche Kommunikation mit einem Kind die Ironie schlägt. Kinder profitieren sehr davon, wenn Aussagen eindeutig sind, wenn Feedback konstruktiv ist und respektvoll und direkt mit ihnen gesprochen wird.
Wie Sprachforscher Paul Watzlawick es formuliert hat: „Wir können nicht nicht kommunizieren.“ Auch die Ironie vermittelt also gewisse Botschaften und ist irgendwie auch Ausdruck von Beziehung. Die Frage ist nur, welche ist das?
Wer möchte, dass ein Kind Verantwortung übernimmt, der sollte auch in klaren Sätzen sprechen. Ein deutliches, „Ich ärgere mich, dass du deine Sachen nicht weggeräumt hast“ wirkt 1000 Mal besser, als ein „Wow, hier sieht’s ja aus wie im Lagerhaus“.
Ironie schützt uns vielleicht, nicht auszuflippen und ein bisschen besser die Nerven zu behalten. Unser Kind schützt sie aber nicht.
Wir Eltern müssen uns an die Nase fassen und eingestehen, dass wir ironisch werden, wenn wir müde oder genervt sind oder weil wir vielleicht selbst so erzogen wurden. Immerhin ist Ironie angelernt. Aber es bleibt oft einfach versteckte Kritik.
