Social Media erst ab 16? Ein komplettes Verbot für unter 14-Jährige? Während aktuell in Deutschland wieder vermehrt über Altersgrenzen und gesetzliche Beschränkungen diskutiert wird, stellen sich Eltern eine ganz praktische Frage: Was heißt das für mein Kind?
Viele Tweens und Teens warten nämlich nicht auf politische Entscheidungen, sondern scrollen sich längst durch Insta, TikTok und Co. Oder sie wollen es zumindest. Für sie gehören die verschiedenen Social Media Kanäle heute so selbstverständlich dazu, wie die Bravo es für uns tat.
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Ich hab selbst Kinder im Alter von 12 und 15 Jahren. Und während das ältere gar kein Interesse an Insta, Snapchat und TikTok hat, möchte das jüngere am liebsten alles sofort haben.
Mit 12 Jahren ist meine Tochter noch zu jung, finden wir. Das Alter, so viel kann ich aber schon mal verraten, spielt nur eine nebensächliche Rolle bei der Entscheidung für oder gegen eine Social Media Plattform. Entscheidender sind Reife, Begleitung und klare Regeln.
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Mindestalter 13 Jahre? Kommt drauf an!
Fast alle großen Plattformen haben ein Mindestalter für Nutzer*innen von 13 Jahren. Das gilt für:
- TikTok
- Snapchat
Die 13 kommt nicht von Ungefähr, sondern hat mit den US-Datenschutzgesetzen zu tun, dem sogenannten COPPA, kurz für ‚Children’s Online Privacy Protection Act‘. Dieses Gesetz verpflichtet Betreiber von Webseiten und Apps, bei Kindern unter 13 Jahren vor der Erhebung personenbezogener Daten, die Einwilligung der Eltern einzuholen. Allerdings ist so ein eingegebenes Geburtsdatum bei der Anmeldung schnell gefälscht. Die technische Hürde ist also keine echte.
Entscheidender als das Alter für die Nutzung von Social Media ist deshalb, ob ein Kind mit dem umgehen kann, was es dort sieht und was andere über es denken.
10 bis 12 Jahre: Die gefährliche Grauzone
Viele Tweens bewegen sich schon vor ihrem 13. Geburtstag auf Social Media. Meist heimlich. Oder ’nur zum Gucken‘. Oder über den Account von (älteren) Freunden.
Das Problem ist dabei nicht, dass sie es heimlich machen. Was wir in dem Alter vermutlich auch gemacht hätten, wenn es das schon gegeben hätte. Sondern dass ihr Gehirn besonders sensibel auf soziale Bewertungen reagiert. Likes und Reaktionen sind ein wahrer Dopamin-Kick. Und das Verlangen danach kann bei intensiver Nutzung von Insta, TikTok und Co. das Risiko für Vergleichsdruck, Körperunzufriedenheit und Stress erhöhen.
Plattformen wie TikTok verstärken das noch, weil sie extrem schnell und algorhythmusgesteuert Inhalt nach Inhalt ausspucken. Das fasziniert Kinder natürlich, kann sie aber auch schnell überfordern.
Deshalb gilt für die allermeisten Kinder unter 13 Jahren: Kein eigener Account! Wenn das Interesse für die eine oder andere Plattform da ist, sollte man gemeinsam reinschauen.
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13 bis 15 Jahre: Der Einstieg
Mit 13, 14 oder 15 Jahren verändert sich viel für Teenager – sowohl äußerlich, aber eben auch innerlich. Freunde und Freundinnen werden enorm wichtig. Nicht dazuzugehören ist in den Augen eines Teenagers das Schlimmste.
Hier kann Social Media also eine wirklich soziale Funktion haben. Es hilft:
- Kontakt zu halten
- sich einfach innerhalb einer Gruppe austauschen zu können
- Kreativität auszuleben
- Interessen zu teilen
Aber: Plattform ist nicht gleich Plattform.
Instagram ist stark visuell geprägt. Die meisten Inhalte drehen sich um Körper, Lifestyle und Perfektion. Bei sensiblen Jugendlichen kann das schnell zu großem Vergleichsdruck führen.
Die App hat aber auch eine besonders positive Seite: die guten Privatsphäre-Einstellungen. Das ist auch entscheidend, wenn ein Teenager die App nutzen möchte. Der Account sollte unbedingt privat gehalten werden. Außerdem solltet ihr regelmäßig über Inhalte sprechen.
TikTok
TikTok ist Unterhaltung, aber auf Speed. Es ist extrem schnell, unendlich und auch extrem personalisiert. Die größten Risiken der App liegen genau darin. Die App hat aber auch positive Seiten. Sie kann super witzig sein, Nischenthemen eine Plattform bieten und genau da Gemeinschaft entstehen lassen.
Die Anwendung braucht in jedem Alter (auch bei Mama und Papa) klare Zeitregeln. Und Eltern, die sich dafür interessieren. Dann kann sie wirklich Spaß machen.
Snapchat
Es wirkt erst einmal harmlos, wenn gepostete Inhalte nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden. Was soll da schon passieren? Ganz so einfach ist es aber leider nicht. Denn auch von Videos und Fotos, die nur 24 Stunden zur Verfügung stehen, lassen sich Screenshots machen.
Tricky an der App ist auch, dass man seinen Live-Standort teilen kann. Ganz abgesehen davon, dass Gruppenzwang und das Gefühl dazugehören zu wollen natürlich Druck erzeugen.
Damit Snapchat ein gutes Alltagstool für Teens ist, sollte die SnapMap, die Echtzeit-Standorte von Freunden anzeigt, deaktiviert und das Kind sensibilisiert sein, welche Inhalte gepostet werden und welche absolut tabu sind.
Und was ist mit Pinterest oder Vinted?
Pinterest wirkt wie eine harmlose Ideensammlung und kann für kreative Teenager eine wirklich Bereicherung sein. Wer sich für Basteln, Mode oder DIY-Projekte begeistern kann, findet hier, was das Herz begehrt. Aber auch Pinterest ist eine soziale Plattform auf der neben kreativen Ideen Schönheitsideale, Diät-Content oder fragwürdige Trends stattfinden.
Vinted ist offiziell für Personen ab 18 Jahren bestimmt, denn die Nutzung beinhaltet den Umgang mit Geld und Kaufverträgen. Die App sollte deshalb nur gemeinsam mit den Eltern genutzt werden.
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Wichtiger als das Alter
Wer damit hadert, ob das Kind reif und alt genug ist, Social Media zu nutzen, sollte diese 5 Fragen zu Rate ziehen:
- Kann mein Kind mit Kritik umgehen?
- Versteht es Privatsphäre-Einstellungen?
- Würde es mir sagen, wenn etwas Unangenehmes passiert?
- Hat es offline stabile Freundschaften?
- Kann es Bildschirmzeiten einhalten?
Wer bei der einen oder anderen Frage zögert oder sie gar mit einem deutlichen Nein beantwortet, sollte sich eingestehen, dass das eigene Kind noch nicht bereit ist.
Hilfe statt Verbote
Ich weiß genau, wie verlockend es auf Tweens und Teens wirkt, wenn man ein Verbot ausspricht. Zumal es das eigentliche Problem, nämlich das Interesse des Kindes, Social Media zu nutzen, auch nur verschiebt, nicht aber löst.
Vielleicht funktioniert bei euch deshalb:
- gemeinsam zu starten: Legt zusammen einen Account an, richtet ihn möglichst sicher ein und erkundet gemeinsam, was es zu sehen gibt.
- klare Absprachen zu Bildschirmzeiten zu treffen oder diese über Familien-Apps und -Accounts einzustellen. Das hilft euch, den Überblick zu behalten und eurem Kind, sich an Absprachen zu halten.
- handyfreie Zonen zu bestimmen: Vereinbart zum Beispiel, dass das Handy nichts im Bett oder Bad zu suchen hat oder das bestimmte Apps nur in eurem Beisein genutzt werden dürfen.
- regelmäßig über Inhalte zu sprechen. Damit euer Kind weiß, wie es Dinge einordnen muss, Fake News und KI-Inhalte erkennt und sich nicht fragwürdigen Trends unterwürft.
- ein gutes Vorbild zu sein. Ja, auch wir Eltern neigen dazu, zu viel Zeit am Bildschirm zu verbringen. Schränken wir uns am besten also selber auch ein.
Also: Ab wann ist Social Media empfehlenswert?
Meine persönliche Antwort:
- Unter 12 Jahren auf keinen Fall
- Zwischen 13-15 Jahren kann ein eigener Account möglich sein, aber mit klarer Begleitung
- Ab 16 Jahren sollten Teenager schrittweise mehr Eigenverantwortung haben
Die entscheidende Frage bei der Nutzung von Social Media sollte, nach dem Alter und der Reife eines Kindes sein, wie es lernt, gesund damit umzugehen. Das ist unsere Aufgabe! Wir Eltern müssen sie stark genug machen, damit sie sich dort nicht verlieren.
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