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Dragqueens lesen vor: Zwischen Solidarität und gesellschaftlicher Kritik

Dragqueen liest Kindern in einer Bibliothek ein Buch vor
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Dragqueens im Kampf der Kulturen

Zwischen Solidarität und Kritik: Dragqueen-Vorlesungen für Kinder sorgen zurzeit für heftige Diskussionen

Ein Kampf der Kulturen: In München und in Köln gibt es derzeit eine riesige Diskussion über Vorlesungen von Dragqueens für Kinder. Zwischen Solidarität und Vielfalt gibt es allerdings auch einige Stimmen, die dem ganzen kritisch gegenüberstehen.

Spätestens nach dem Erfolg der US-amerikanischen Serie „RuPaul’s Dragrace“, sind Dragqueens auch hier in Deutschland sichtbarer geworden. Doch mit mehr Sichtbarkeit kommt auch mehr Kritik: Einige Eltern zeigen sich besorgt und wollen ihre Kinder vor der vermeintlichen Gefahr schützen.

Was ist eine Dragqueen?

Um vorab Missverständnisse zu vermeiden, hier eine kleine Definition: Laut Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) sind Dragqueens „meist, nicht immer – Personen, denen bei Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde, und die u.a. im Rahmen von künstlerischen Performances Weiblichkeit(-en) darstellen bzw. parodieren.“

Im Gegensatz dazu gibt es übrigens auch Dragkings, die wiederum, die gesamte Performance auf männlichen Klischees basierend, darstellen oder parodieren.

Dragqueen Lesung für Kinder

München befindet sich hinsichtlich dieser Debatte gerade im Ausnahmezustand: Eine Lesung für Kinder von der Dragqueen Vicky Voyage hat für mächtig Gesprächsstoff gesorgt. Die geplante Lesung am 13. Juni in der Stadtbibliothek Bogenhausen findet unter dem Motto „Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt“ statt. Auch Dragking Eric BigClit und die trans* Jungautorin Julana Gleisenberg werden zu der Veranstaltung erwartet.

Die Lesung hat das Ziel den Kindern zu zeigen, was das Leben für einen bereithält und dass man alles erreichen kann, wenn man an seinen Träumen festhält – ganz unabhängig vom Geschlecht. Themen wie Jungs in Kleidern und Prinzessinnen mit eigenem Willen sind demnach kein Tabu mehr.

Anschließend haben Eltern und Kinder die Möglichkeit, gemeinsam mit den Leser*innen zu sprechen und sich auszutauschen. Kinder ab vier Jahren sind zu der Veranstaltung zugelassen – aber auch Eltern oder Bekannte sind herzlich eingeladen.

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Kritik seitens CSU & Co.

Martin Huber, CSU-Generalsekretär und Abgeordneter im bayerischen Landtag, entgegnete dem ganzen auf Twitter mit einer klaren Haltung: „Lasst Kinder einfach Kinder sein… Vierjährige sollten mit Bauklötzen oder Knete spielen und nicht mit woker Frühsexualisierung indoktriniert werden.“

Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern ging sogar noch einen Schritt weiter: „Kinder mit sowas zu konfrontieren ist Kindeswohlgefährdung, nicht „Weltoffenheit“, Ihr grünen Spinner! Eric Große Kli…“liest ja nur nette Märchen vor?“. Der Name spricht für sich. Ihr seid eine Gefahr für unser Land, wenn Ihr sowas gut findet!“

CSU, Freie Wähler und AfD fordern demnach ein Verbot und eine Unterbindung der Veranstaltung. Ein Dringlichkeitsantrag sei laut BILD-Zeitung bereits eingereicht worden und soll spätestens am 16. Mai behandelt werden.

Grüne plädieren für Aufklärung

Joel Keilhauer, Vorsitzender der Grünen in München, übte scharfe Kritik an dem Vorhaben der CSU: „Die Äußerungen von CSU und AfD zur geplanten Lesung lassen tief blicken. Das Mantra „Leben und leben lassen“ gilt für die CSU scheinbar nur, soweit es in ihr Raster aus Weißbier und Trachtenjanker passt. Für uns Grüne ist klar: München ist bunt.“

Svenja Jarchow, Vorsitzender der Münchener Grünen, fährt fort: „Konservative und Rechte greifen zunehmend Trans-Menschen und Drag-Künstler*innen an und stilisieren sie zum Feindbild einer offenen und toleranten Gesellschaft. Indem die CSU AfD-Parolen wie „Frühsexualisierung“ übernimmt, macht sie solche rechtsextreme Hetze salonfähig.“

Oberbürgermeister Reiter ist gegen Verbot

Der SPD-Abgeordnete und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter scheint sich derzeit der Diskussion zu entziehen: Gegenüber der BILD-Zeitung betonte Reiter, dass Eltern immer noch selbst entscheiden können, ob sie die Veranstaltung besuchen würden oder nicht. Jedoch würde er nicht mit seiner vierjährigen Enkelin die Lesung besuchen.

Dennoch habe er kein Problem mit Dragqueens und stehe „auch weiterhin stabil an der Seite der gesamten queeren Szene“.

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Kölner Dragqueen will für mehr Sichtbarkeit sorgen

Die Kölner Dragqueen Loona Tension verfolgt ein ähnliches Ziel: Sie hält Kinderlesungen für einen Kindergarten in Köln. Die Idee dazu kam, als Loona einen Instagram Post der Jungen Alternative sah, der sich mit der vermeintlichen Gefährdung von Kindern im Zusammenhang mit Dragqueens befasste.

Um Eltern vom Gegenteil zu überzeugen, schrieb sie einige Kindergärten an und konnte schon bald mehrere Termine für eine Kinderlesung sichern. „Jedes Mal bringe ich ein Kinderbuch mit, was Diversität als Thema hat“, so Loona. „Mein Drag für die Kinder ist natürlich angepasst“ – sprich, nicht viel Haut zeigen, im Gegensatz zu der normalen Bühnenperformance.

Der erste gemeinsame Termin mit der Gruppe war laut Loonas Aussage ein riesengroßer Erfolg – die Kinder haben aufmerksam zugehört. Beim zweiten Mal verzichtete sie auf Make-up und Co. und kam als Falk zur Lesung: „Sichtlich war ich nicht mehr so interessant“, erzählt sie uns. „Statt 15 Kindern waren diesmal nur 3 interessiert daran, dass ich ihnen ein Buch vorlese.“ Dennoch haben sie und die Kinder eine schöne Zeit gemeinsam verbracht.

Neben viel positivem Feedback der Eltern und Kinder gibt es leider auch negative Stimmen: Dem steht Loona jedoch verständnisvoll gegenüber. Eltern haben die Möglichkeit, ihrem Kind ein Alternativ-Programm anzubieten, wenn der Kontakt mit Dragqueens nicht gewünscht ist. Weniger Verständnis hat sie jedoch denen gegenüber, die das gesamte Projekt unterbinden wollen – denn dadurch würde auch den anderen Kindern die Möglichkeit genommen werden, an der Lesung teilzunehmen.

Zudem betont sie, dass sie immer für ein Gespräch bereit sei: Manchmal spielt auch die Angst vor dem Unbekannten eine große Rolle. Deshalb bat sie einigen Eltern an, ihr Drag vorzustellen und Zweifel zu nehmen – dieses Angebot wurde bis jetzt jedoch noch nicht angenommen.

Das Projekt alleine bedeutet Loona extrem viel: „Das Gefühl, etwas zu bewirken und sowohl Eltern als auch Kindern mit dem Thema in Kontakt zu bringen, macht mich ganz doll stolz.“

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USA: Book Bans und „Anti-Woke“-Gesetz

Doch nicht nur in Deutschland wird das Thema rund um Dragqueens kontrovers diskutiert: Auch in den USA werden LGBTQIA+ Rechte, insbesondere von den Republikanern, immer wieder aufgegriffen – von Einschränkung bis hin zu Verboten.

Der Gouverneur Floridas, Ron DeSantis, gilt als der Hauptgegner der queeren Community: Er geht sogar gesetzlich gegen die Minderheit vor und möchte Aufklärung rund um die Themen Rassismus, sexuelle Vielfalt und Identität verbieten. Demnach sind bereits einige Bücher, wie etwas „The Handmades Tail“, „Gender Queer“ oder „The Hate You Give“, von Schulen verbannt worden.

Während einige Konservative DeSantis Pläne unterstützen, gehen primär junge Schüler*innen und Student*innen gegen das Vorhaben des Gouverneurs vor.

Nick Higgins, Chefbibliothekar der Brooklyn Public Library in New York, setzt sich gegen die Zensur ein und startete letztes Jahr das Programm „Books unbanned“: Jugendliche zwischen 13 und 21 Jahren können mithilfe einer elektronischen Karte E-Books aus jedem beliebigen Ort der USA bestellen – auch jene, die im Bundesstaat Florida verboten sind.

Weitere Quellen:
ZDF
Tagesschau
BR
TAZ
Münchener Stadtbibliothek

Wie es sowohl in den USA, als auch in Deutschland um die Debatte von Dragqueens weitergeht, ist derzeit noch ungewiss. Eines steht allerdings fest: So schnell lassen sich die Dragqueens und Dragkings nicht von der Bühne jagen!