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Die deutsch-iranische Psychotherapeutin Dr. Nady Mirian über Leid, Hoffnung und Resilienz

Nady Mirian
"Wir nehmen dieses Leid und übersetzen es in die Hoffnung und den Kampf für Freiheit." Credit: © Simone Wicker

Die deutsch-iranische Psychotherapeutin und Autorin Dr. Nady Mirian spricht im Interview über das Leid der Iraner*innen, Hoffnung, Widerstand und Resilienz.

Dieses Interview von Camille Haldner erschien ursprünglich bei EDITION F.

Ende Dezember startete im Iran eine neue Protestwelle, die sich schnell aufs ganze Land ausbreitete und die Hoffnung keimen ließ, dass die Machthaber gestürzt werden. Doch die Islamische Republik Iran schlug die Proteste mit einer nie dagewesenen Brutalität nieder. Dennoch begehren die Menschen im Land weiter auf.

„Sie haben gar keine andere Wahl, als weiterzumachen und sich nicht von den Machthabern unterkriegen zu lassen“, sagt Dr. Nady Mirian. Die Psychotherapeutin und Autorin des Buches „Leid“ hat intensiv zu Resilienz geforscht. Im Interview spricht sie über die Stärke und Resilienz der Iraner*innen angesichts der hoffnungslosen Situation im Iran. Sie erklärt zudem, warum Leid in unserer Gesellschaft sehr schnell pathologisiert wird und warum ein offener Umgang mit Emotionen wichtig ist.

Du hast während der Proteste im Iran einen Text geteilt, in dem du dich an die Menschen dort richtest. Darin schreibst du, wie sehr du ihre Herzen, ihre Stärke und ihre Resilienz liebst. Magst du den Gedanken dahinter erläutern?

„Die Herzen der Iraner*innen sind gebrochen, aber sie starten immer neue Protestwellen, trotz der Massaker und Hinrichtungen. Das islamische Regime kämpft mit purer Gewalt. Die Menschen im Iran wehren sich, handeln aber ganz anders als ihr bestialisches Gegenüber, sie kämpfen mit und aus Liebe.

Die Liebe der Iraner*innen ist größer als die Angst – und Liebe kennen die Zombies des Regimes nicht. Im Leid zu lieben, ist nicht so einfach, wie es vielleicht klingt. Das können nicht viele Menschen, die sich in einer derartigen Situation befinden. Das zeigt große emotionale Stärke. Genau das ist Resilienz.“

Die Menschen im Iran kämpfen immer weiter, trotz all des Leids. Wie ist das menschenmöglich?

„Die Iraner*innen leiden und protestieren schon so lange, in immer neuen Wellen. Sie geben nicht auf und sind leider auch nicht an einem Punkt, an dem sie das erfahrene Leid verarbeiten können. Sie sind so fokussiert auf diesen überlebensnotwendigen Kampf für Freiheit. In so einer Situation funktionieren Menschen einfach weiter und der Zusammenbruch kommt meist erst dann, wenn Ruhe einkehrt.

Den Menschen im Iran bleibt aktuell nur die Hoffnung. Das sagen auch viele Iraner*innen, die die bestialische Gewalt des Regimes überlebt haben: Ihr könnt unsere Körper verletzen, foltern, vergewaltigen, aber ihr könnt uns nicht die Hoffnung nehmen.“

Hoffnung als Triebfeder für die Revolution.

„Ich beobachte das auch bei meinen Eltern. Mein Vater ist mittlerweile 82 Jahre alt und meine Mutter seit vielen Jahren schwer krank, aber die Hoffnung auf einen freien Iran hält beide am Leben. 2022, als die Woman Life Freedom-Proteste im Iran stattfanden, ließ meine Mutter es sich nicht nehmen, zwei Tage nach einer Operation zu einer Demonstration zu gehen.

Kürzlich war sie wieder bei einer Demo und schrieb mir danach: ,Nady, ich bin zwar körperlich sehr krank, aber ich werde durchhalten, bis das islamische Regime gestürzt wird.‘ Sie setzt ihrer angesichts des Leids im Iran empfundenen Hilflosigkeit diesen Akt des Widerstands entgegen. Das ist eine Stärke, die in allen Iraner*innen steckt.

Wir nehmen dieses Leid und übersetzen es in die Hoffnung und den Kampf für Freiheit. Die Situation der Iraner*innen in Deutschland ist natürlich eine andere als die der Menschen im Iran, aber wir alle empfinden Hilflosigkeit.

Zu wissen, dass ich kaum etwas ausrichten kann vor Ort, macht mich verdammt wütend. Aber Wut ist ein guter Katalysator – und wie wir an den Menschen im Iran sehen können, verdrängt er die Angst und verleiht Stärke, um weiterzumachen.“

Als dein Buch erschienen ist, schriebst du: „Ich weiß nicht, wer dieses Buch lesen wird oder wer bereit ist, sich mit der Freiheit im Umgang mit Leid auseinanderzusetzen. Doch ich hoffe, dass es dir hilft, in deinem Leiden deine eigene Freiheit zu finden und deinen Weg zur Resilienz zu gehen.“ Wie hängen Freiheit und Resilienz für dich zusammen?

„In der bewussten Entscheidung, Gefühle zuzulassen, steckt viel Freiheit. Hier in Deutschland haben wir oft das Gefühl, dass Emotionen nicht angemessen sind. Wenn wir zum Beispiel mit einer Freundin im Café sitzen und weinen müssen, unterdrücken die meisten von uns die Tränen. Wir kategorisieren sofort, ob das der richtige Rahmen ist und verbieten uns den Gefühlsausdruck.

Oder in Beziehungen denken wir oft, zu viel zu sein und halten unsere Gefühle zurück. Dabei ist Liebe nie zu viel. Wenn wir uns Gefühle nicht zugestehen, kann keine Widerstandsfähigkeit entstehen. Resilienz ist das Resultat davon, dass wir uns Freiheit im Umgang mit Gefühlen nehmen. Das wissen wir aus zahlreichen Studien.

Ein Resilienzfaktor ist Selbstwirksamkeitserfahrung und diese Eigenschaft haben die Menschen im Iran, die gegen das Regime kämpfen. Sie lassen ihre Gefühle raus und schöpfen daraus Kraft. In all dem Leid lassen es sich die Menschen nicht nehmen, zu singen, zu tanzen, zu lieben, zu schreien, zu weinen – diese Freiheit kann ihnen niemand nehmen.

Die iranische Kultur strotzt nur so vor Gefühlen. Liebe, Leid und Resilienz sind allgegenwärtig in persischer Kunst, Musik und Poesie. Wir Iraner*innen nehmen jede Emotion, die uns einnehmen könnte und nutzen sie als Katalysator für Widerstandsfähigkeit.“

Das Thema Leid hat mit Blick auf die aktuellen Ereignisse im Iran (erneut) eine grausame Aktualität bekommen. Als Therapeutin sprichst du vermutlich oft mit einer professionellen Distanz über Leid, die hier nicht gegeben ist. Wie gehst du persönlich damit um?

„Ich gehe zu Demos, mache viel Sport und ziehe mich zeitweise bewusst zurück. Ich meditiere zweimal am Tag und seit Ausbruch der Proteste bestehen meine Meditationen zu einem Großteil aus Weinen. Tränen zuzulassen, fällt mir eher schwer. Viele von uns empfinden Scham dabei, zuzugeben, dass wir weinen. Das möchte ich ablegen, auch weil ich als Therapeutin eine Verantwortung empfinde, zu entstigmatisieren.

Bloß weil jemand in einer Phase des Leids viel weint, muss das nicht direkt in die Kategorie Depression oder depressive Verstimmung einsortiert werden. In meinem und im Fall meiner Landsleute ist Trauer ein nachvollziehbares Gefühl, das sein darf. Das ist auch etwas, was ich mir für uns als Gesellschaft wünsche: Wir sollten Gefühlen mehr Raum geben.“

Du hast eben über den Unterschied zwischen Trauer und Depression gesprochen; auch in deinem Buch schreibst du, dass wir neue Sichtweise auf Leid brauchen.

„Leid wird sehr schnell pathologisiert. Wichtig wäre aber, zwischen Leid und Leidensdruck zu unterscheiden. Wir alle kennen Leid – sei es im Persönlichen oder mit Blick auf aktuelle politische Ereignisse, wenn wir an die ganzen Bilder aus Krisen- und Kriegsgebieten denken. Leid ist leider menschlich. Die Frage ist aber, wie wir mit Gefühlen umgehen und welche Strategien wir haben.

Zu wissen, dass meine iranischen Schwestern und Brüder ermordet werden, ist schmerzhaft. Meine Tränen sind aber eine gesunde Reaktion auf das Leid meiner Landsleute. Emotionen zuzulassen, verhindert in der Regel, dass das Gefühl pathologisch wird. Sport, Meditation, Demonstrationsbesuche, Weinen – das sind meine Copingskills. Ohne diese Strategien würde Leidensdruck entstehen.

Im Gegensatz zu Leid geht Leidensdruck mit Symptomen einher: Sei es, dass sich das Gedankenkarussell nonstop dreht, dass ich es nicht mehr zur Arbeit schaffe, dass ich den Appetit oder die Lust auf das Leben verliere. Als Therapeutin arbeite ich mit Menschen, die Leidensdruck empfinden – und stelle dabei immer wieder fest, dass irgendein Gefühl im Leben dieser Klient*innen keinen Raum bekommen hat.

Wenn wir Gefühle dauerhaft internalisieren, verbleiben die im Körper und zeigen sich irgendwann durch Krankheitssymptome. Das ist oft der Punkt, an dem wir dann reagieren und uns mit den Gefühlen auseinandersetzen. Unsere Gesellschaft hat tatsächlich mehr Angst vor den physiologischen Reaktionen als vor psychischen. Dabei wäre es so wichtig, Gefühle rauszulassen, bevor Leidensdruck entsteht.“

Deswegen plädierst du für eine neue „Leidkultur“, wie du es nennst?

„Genau. Leiden ist überall, Leiden ist legitim. Wir dürfen weinen, über unsere Gefühle sprechen. Wir brauchen eine Leidkultur, damit kein Leidensdruck entsteht. Wir brauchen einen bewussten Umgang und eine Wahrnehmungssensibilität im Umgang mit Leid.“

In deinem Buch erzählst du, dass deine Eltern stets versucht haben, dich vor Leid zu schützen. Heute ist das aber genau das Thema, zu dem du als Psychotherapeutin arbeitest, forschst, sprichst und schreibst. War diese Entscheidung, dich beruflich mit Leid auseinanderzusetzen, ein Versuch der Annäherung an etwas, das bewusst von dir weggehalten wurde?

„Ich weiß nicht, ob es dazu Theorien gibt. Aber aus meiner eigenen Erfahrung heraus, empfehle ich heute als Kinder- und Jugendtherapeutin Eltern, mit ihren Kindern auch über leidvolle Phänomene zu sprechen.

Meine Eltern haben immer versucht, Leid von mir wegzuhalten, dabei wollte ich bereits als Kind verstehen, was passiert und nah an den Menschen sein. Sehr jung habe ich dann die Kriegsfotografie für mich entdeckt – als mir das Buch ,Iran‘ vom Magnum-Fotografen Bruno Barbey in die Hände fiel und mir ein Bild vermittelte von diesem Land, in das ich nicht einreisen darf.

Ich habe irgendwann erkannt, dass Krieg nicht nur im Außen existiert, sondern wir auch im Innern emotionale Kriege mit uns selbst führen – und bin am Ende Psychotherapeutin geworden. Dieser Raum für Begegnung, den Therapie schafft, ist besonders. Ich versuche nicht nur, meinen Klient*innen zu helfen, sondern lerne auch viel von ihnen. Wir alle könnten mehr voneinander lernen, indem wir einander zuhören.“

Du bist Kinder- und Jugendtherapeutin. Wir sprechen hier als Erwachsene über Leid. Wie unterscheidet sich die Reaktion auf Leid und der Umgang damit zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen?

„Kinder können Leid, generell Gefühle, in der Regel sehr gut ausdrücken. Leider erleben sie meist früh im Leben, dass auf einen Gefühlsausdruck eine Wertung folgt. Ich erinnere mich gut daran, wie ich als Kind beim Sport hingefallen bin – und die Lehrerin direkt meinte: Weine nicht!

Wir alle haben gelernt, dass Gefühle in unserer Gesellschaft bewertet und kommentiert werden. Deshalb haben so viele Menschen Schwierigkeiten, sich in zwischenmenschlichen Beziehungen vulnerabel zu zeigen oder vor anderen zu weinen.

Diese Bewertung von Gefühlsausdrücken meinen wir in der Regel nicht böse. Sie ist vielmehr Ausdruck davon, dass wir selbst nicht gut mit Gefühlen wie Trauer oder Wut umgehen können, weil wir das nicht gelernt haben.

In unserer Gesellschaft gibt es diesen großen Irrtum, dass es negative und positive Emotionen gibt, aber diese Bewertung von Gefühlen ist falsch. Angst, Wut, Trauer, Scham – all diese vermeintlich negativen Gefühle sind in Ordnung. Viele Erwachsene können diese Emotionen aber nicht zuordnen, weil sie sich diese Gefühle selbst nicht erlauben. Wir liegen der Illusion auf, dass wir nicht verletzt werden können, wenn wir keine Emotionen zeigen.

Wir sollten uns den Raum für Emotionen zurückerobern und offen über Gefühle sprechen. Das ist verdammt schwer, aber ich würde mir das sehr für unsere Kinder und Jugendlichen wünschen, denen wir damit den Druck nehmen. Kinder lassen alles raus, bis sie das erste Mal sanktioniert werden. Ich muss deshalb viel mit den Eltern meiner Klient*innen arbeiten und ihnen vermitteln, dass erstmal alle Gefühle sein dürfen.“

Privilegien machen in fast jeder Lebensphase einen Unterschied. Im Gegensatz zu uns in Deutschland stehen die Menschen im Iran vor ganz anderen Herausforderungen. Welche Rolle spielen aus deiner Sicht Privilegien beim Umgang mit Leid?

„Privilegien machen definitiv einen Unterschied. Wichtig ist aber, dass wir nicht in Hierarchien denken. Durch den Vergleich mit anderen, denen es schlechter geht, bewerten wir und werten uns selbst ab. Das hilft niemandem. Wir dürfen traurig sein, wenn wir eine Absage für einen Job bekommen haben oder enttäuscht, wenn jemand uns im Stich gelassen hat. Die Frage ist aber, wie wir mit Leiderfahrungen umgehen und was wir daraus machen.

Dankbarkeit ist hier ein wichtiger Aspekt. In einer vulnerablen Lebenssituation bekommt vieles eine andere Bedeutung. Das ist belegt durch die Resilienzforschung. Ein gutes Beispiel ist unsere Gesundheit, die viele für selbstverständlich nehmen. Uns wird oft erst bewusst, wie dankbar wir für eine Sache sein können, wenn wir sie verlieren – und das ist schade. Wenn uns bewusst ist, wofür wir alles dankbar sein können, verharren wir nicht im Leid, sondern erkennen auch Ressourcen.

In der Therapie schaue ich mit meinen Klient*innen, wenn sie erstmal stabil sind, immer auf das Thema Dankbarkeit. Sie lernen, dankbar für ihre Fortschritte zu sein und stolz auf alles, was sie geschafft haben.

Wir müssen uns nicht dafür schämen, dass wir es gut oder besser als andere haben, aber statt uns abzuwerten, sollten wir schauen, was wir daraus machen können. Und da verlieren wir uns oft. Deswegen ist es so wichtig, Emotionen nicht wegzuschieben, sondern sich damit zu befassen.“

Letzte Frage: Wie können wir die Menschen im Iran und in der Diaspora unterstützen?

„Wichtig für die Menschen im Iran ist Aufmerksamkeit für ihre Situation. Es ist wichtig, dass die Welt sieht, was in dem Land passiert. Bitte hört nicht auf, über den Iran zu sprechen. Ihr helft damit den Menschen im Iran und zeigt auch den Menschen in der Diaspora, dass ihr das Leid ihrer Landsleute seht.“

-> Buchtipp: „Leid – Die emotionalen Wellen des Lebens“ von Dr. Nady Mirian, Kösel Verlag, 20 Euro. Mehr erfahren.