Inhaltsverzeichnis
- 4 Bücher, 4 erste Sätze, 4 Besonderheiten
- Benedict Wells: Hard Land
- Caroline Wahl: 22 Bahnen
- Arno Frank: So, und jetzt kommst du
- Joey Göbel: Vincent
Fragt man mich nach meinem Liebligsgenre in der Literatur, so würde ich wahrscheinlich Coming-of-Age antworten. Der Begriff aus dem Englischen übersetzt heißt ja so viel wie „Erwachsenwerden“ oder besser „Heranwachsen“ und beschreibt diese wunderbar intensive Phase im Leben von jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren, die auf der Suche nach sich selbst, ihrem Platz im Leben und der Sinnhaftigkeit von Dingen sind. Die Welt durch ihre Augen zu sehen fasziniert mich total und weckt alte Erinnerungen.
Für alle, denen es ähnlich geht, habe ich hier die vier Bücher meiner letzten zwei Urlaube zusammengestellt – allesamt Coming-of-Age-Romane.
4 Bücher, 4 erste Sätze, 4 Besonderheiten
Wenn mir ein Buch in die Hand fällt, lese ich immer direkt den ersten Satz. Dann weiß ich, ob mir das Buch gefallen wird oder nicht. Der Einstieg in eine Geschichte sagt so viel aus über ein Buch. Vielleicht geht es euch ja ähnlich. Deshalb bekommt ihr bei meinen Lesetipps neben der Inhaltsangabe und dem, was ich besonders fand, auch immer den ersten Satz präsentiert.
Benedict Wells: Hard Land

Der erste Satz
„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“
Worum geht es?
Die Geschichte dreht sich um den fünfzehnjährigen Außenseiter Sam, der 1985 in dem Kaff Grady in Missouri aufwächst. „Grady ist wie ein Pornokino in Zeiten der VHS-Kassette“, sagt er darüber. Sam ist eher Fraktion Looser, hat keine Freunde, dafür aber jede Menge Probleme zuhause.
Die Sommerferien stehen an, und um allen Problemen und der Sorge um die Mutter zu entfliehen, nimmt Sam einen Ferienjob in einem alten Kino an. Es folgt ein Sommer, der alles in seinem Leben auf den Kopf stellt. Er findet Freunde, verliebt sich unsterblich und entdeckt die Geheimnisse seiner Heimatstadt. Zum ersten Mal fühlt es sich so an, als könne er dazugehören. Doch dann passiert etwas, das alles verändert.
Darum ist es eine absolute Empfehlung
Man kann das Buch kaum mehr weglegen, so sehr taucht man in die Welt des unsichtbaren Außenseiters Sam ein. Benedict Wells schafft es, mit seiner leicht melancholischen aber auch klaren Sprache in wenigen Sätzen ein ganzes Universum zu erschaffen. Ich liebe seine Art zu schreiben sehr.
Man selbst fühlt wie Sam, verbringt diesen gleißend heißen Sommer in Grady, verliert sich in der Schilderung von Freundschaft und Liebe, begleitet Sam auf den Schattenseiten des Lebens und der Auseinandersetzung mit dem Tod. Ganz nebenbei: Der Roman wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
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Caroline Wahl: 22 Bahnen

Der erste Satz
„Hafermilch, Mandelmilch, Cashewmus, tiefgefrorene Himbeeren, Hummus, Kölln Haferflocken, Chiasamen, Bananen, Dinkelnudeln, Avocado, Avocado, Avocado.“
Worum geht es?
Tilda lebt mit ihrer kleinen Schwester Ida und ihrer alkoholkranken Mutter in einer Kleinstadt. Obwohl sie eigentlich wie ihre Freund*innen die Welt entdecken sollte, sieht ihr Leben komplett anders aus. Durchgetaktet, ernst und erwachsen.
Neben dem Studium kümmert sie sich nämlich nicht nur um ihre Schwester, sondern auch viel zu oft um die kranke Mutter. Nebenher jobbt Tilda an einer Supermarktkasse und hasst die Kleinstadt, in der sie zu bleiben gezwungen ist. Denn wer kümmert sich sonst um Ida, verdient das Geld, um den Kühlschrank zu füllen, und übernimmt die Verantwortung, wenn die Mutter wieder mal ausfällt? Und dann tut sich irgendwann ein Lichtblick auf und Tilda muss sich entscheiden.
Darum ist es eine absolute Empfehlung
Der Roman ist das Debüt der Autorin Caroline Wahl und irgendwie bislang auch ihr bester. Es ist eine berührende Geschichte über Zusammenhalt in der Familie, das wunderschöne Miteinander der beiden Schwestern und die Liebe, die in Tildas Lebentritt. Ein Coming-of-age-Roman über suchtkranke Mütter und Kinder, die viel zu früh die Verantwortung übernehmen müssen.
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Arno Frank: So, und jetzt kommst du

Der erste Satz
(Prolog) „Als meine Mutter zum ersten Mal starb, war ich bei ihr.“
Worum geht es?
Der Autoverkäufer Jürgen und seine Frau Jutta sind verschuldet, aber ansonsten mit ihren drei Kindern eine glückliche Familie. Doch der Vater träumt vom „großen Geld“ und gerät auf Abwege. Und so muss die Familie fluchtartig das Land verlassen und eine Odyssee quer durch Europa beginnt.
Was anfangs für die Kinder aufregend und spannend ist, wird nach und nach zum Albtraum. Denn die Schlinge zieht sich für die Eltern mehr und mehr zu. Das groß erträumte Glück der Familie wird zum freien Fall – auf Kosten der Kinder.
Darum ist es eine absolute Empfehlung
Diese Roman gleicht einem Road-Movie, geschildert aus der Sicht des jungen Protagonisten, der sich vieles noch so gar nicht erklären kann und der sieht, wie die Welt seiner Eltern ins straucheln gerät.
Was beim Lesen großen Spaß macht und für viele „kenn-ich-auch-noch“-Momente sorgt: Als Kind der 80er noch einmal einzutauchen in diese so weit weg erscheinende Zeit. Ein schöner Sommerroman, auch wenn man beim Lesen Vater Jürgen gerne mal schütteln würde, aber dennoch ein Roman, den man kaum mehr weglegen kann.
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Joey Göbel: Vincent

Der erste Satz
„Tut mir leid, dass Du es ausgerechnet von mir erfährst, aber Du wirst nie glücklich sein.“
Worum geht es?
Hier möchte ich den Klappentext des Buches zitieren, weil er es einfach schon perfekt auf den Punkt bringt: „Wussten Sie, dass große Popsongs und Filme von einem einzigen unglücklichen, aber genialen Künstler stammen? Damit ihm die Ideen nicht ausgehen, sorgen ›Beschützer‹ dafür, dass ihm ständig neues Leid widerfährt.
Denn das ist der Rohstoff, aus dem wahre Kunst entsteht. Bringt das Genie das Kunststück fertig, trotzdem ein glücklicher Künstler zu werden? Ein Roman, der als Satire beginnt, sich in einen bizarren Alptraum verwandelt und am Ende zu Tränen rührt.“
Darum ist es eine absolute Empfehlung
Die Geschichte basiert auf diesem einen Gedanken, dass wahrhaft große Kunst nur aus echtem Leid entstehen kann. Und so schaut man Vincent bei seinem Leiden zu, bangt mit ihm aber auch gleichzeitig mit dem Mann, der ihm all diese Leiden zufügen wird. So wie die Sache mit dem kleinen Hund, die Vincent schon in jungen Jahren erfahren muss.
Sie ist der Beginn einer Beispiellosen Reihe von Katastrophen im Leben von Vincent. Stets inszeniert und „von oben“ begleitet. Und die Ausmaße des ihm zugefügten Unglücks steigern sich immer mehr. Eine virtuose Höllenfahrt mit gleichzeitig unfassbar warmen und zarten Momenten. Unbedingt lesen!
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