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Veröffentlicht inFamilie, Kinderwunsch

„Es zerreißt mir jedes Mal das Herz“: Anna Adamyan über die bittere Realität beim Kinderwunsch

Influencerin Anna Adamyan
Anna Adamyan will das System verändern, das Kinderwunsch zur Luxusfrage macht Credit: Lena Hogekamp

Anna Adamyan und Dr. Sarah Plack sprechen im Interview über die Hürden bei Kinderwunschbehandlungen und eine Petition, die das System ändern will.

Model und Influencerin Anna Adamyan und die Ärztin Sarah Plack sprechen seit Jahren öffentlich über das, was viele nur im Stillen durchleben: den unerfüllten Kinderwunsch, Endometriose, Fehlgeburten, medizinische Behandlungen und die emotionale wie finanzielle Belastung, die damit einhergeht.

Gemeinsam riefen sie 2022 deshalb die Petition #KiWuFürAlle ins Leben, die inzwischen auf der Bundestagsplattform für Petitionen weitergeführt wird. Bis zum 30.07.2026 sollen dafür 30.000 Unterschriften gesammelt werden, damit die Forderung nach einer gerechteren und zeitgemäßen Regelung für Kinderwunschbehandlungen politisch Gehör findet.

Heute ist Anna Adamyan mit ihrem zweiten Kind schwanger und voller Dankbarkeit, aber auch geplagt von alten Ängsten. An ihrer Seite steht weiterhin Mitinitiatorin Sarah Plack, die selbst eine lange und schmerzhafte Kinderwunschgeschichte erlebt hat. Beide eint nicht nur ihre persönliche Erfahrung, sondern auch der Wunsch, strukturelle Veränderungen anzustoßen.

Herzlichen Glückwunsch zur Schwangerschaft, liebe Anna. Du teilst schon seit langer Zeit deine Endometriose-Diagnose und deinen Kinderwunsch, inklusive aller Rückschläge und schmerzhafter Momente, mit deinen Follower*innen. Du hast auch offen über deine Fehlgeburten gesprochen. Sind die Ängste in dieser Schwangerschaft ähnlich präsent wie beim ersten Mal, oder hat sich etwas verändert?

Anna: Vielen lieben Dank! Ich bin auch selbst so glücklich und dankbar. Ehrlich gesagt sind die Ängste ähnlich, ich glaube auch, dass es irgendwo normal ist, schließlich trägt man Leben in sich. Natürlich ebenso geprägt von meinen vorherigen Erfahrungen. Tief in mir hat die gesamte Kinderwunschzeit und all die Verluste einfach viel gemacht. 

Wie gelingt es dir, die Vorfreude nicht von den Sorgen überschatten zu lassen?

Anna: Für mich darf beides da sein und mal ist es mehr die Vorfreude und mal sind es mehr die Ängste und Sorgen. Ehrlich gesagt sehe ich da für mich keinen „Vergleich“ und lasse einfach jegliche Gefühl zu. 

Was würdest du Frauen sagen, die nach einer Fehlgeburt wieder schwanger werden und merken, dass die Angst ein ständiger Begleiter ist?

Anna: Ich würde den Frauen sagen, dass Ängste da sein dürfen und absolut verständlich nach solch einem Verlust sind. Das Ängste nichts mit Undankbarkeit zu tun haben und auch kein „Zeichen“ für irgendwas sind, was geschehen kann. Viele verbinden Ängste immer mit etwas Negativem, vor allem Außenstehende – dabei sind Ängste menschlich und dürfen präsent sein. Über Ängste zu sprechen hilft mir persönlich am meisten, aber da kann ich nur für mich sprechen. 

Über die emotionale Belastung eines Kinderwunsches wird inzwischen mehr gesprochen. Über die finanziellen Hürden dagegen deutlich weniger. Gab es in den letzten Jahren Momente, in denen du dich gefragt hast: Wie sollen Menschen mit durchschnittlichem Einkommen das überhaupt schaffen?

Anna: Bereits seit Beginn meiner eigenen Kinderwunschreise frage ich mich das, das ist schließlich auch der Grund, weshalb ich mich seit Jahren für eine faire Kostenübernahme von Kinderwunschbehandlungen einsetze. Viele Betroffene müssen ihr Erspartes für den Kinderwunsch nehmen, einen Kredit aufnehmen oder sogar mit dem Kinderwunsch abschließen, eben weil sie es sich nicht mehr leisten können. Das zerreißt mir jedes Mal das Herz, denn der unerfüllte Kinderwunsch ist nicht vergleichbar mit dem Wunsch nach etwas Materiellem, es ist ein tiefer Wunsch und ganz unabhängig davon, in den meisten Fällen mit Diagnosen verbunden. 

Sarah: 30.000€ hat unsere erste Tochter in etwa gekostet. Wie sollen Menschen mit geringerem Einkommen sich das jemals leisten können? Das ist für viele ein Jahreseinkommen! Jeden Tag beenden Paare ihren Kinderwunsch – nicht, weil sie die psychologischen oder körperlichen Belastungen der Behandlung nicht mehr ertragen. Sondern weil sie es sich schlicht und einfach nicht mehr leisten können.

Deine Petition setzt sich auch für unverheiratete Paare, gleichgeschlechtliche Paare und alleinstehende Frauen ein. Warum war dir das wichtig?

Anna: Die aktuelle Regelung entspricht einfach nicht der jetzigen Zeit. Warum bestimmt das Verheiratetsein darüber, ob man gemeinsam ein Kind bekommt? Wieso dürfen nur Mann und Frau sich lieben, um eine Kostenübernahme der Kinderwunschbehandlung zu erhalten? Liebe ist für alle da! All das hat nichts mit einem Kinderwunsch zu tun, denn dieser steht jedem zu — auch alleinstehenden Frauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in dieser Position sind. 

Sarah: Kinder bekommen zu dürfen darf niemals ein Privileg von Gutverdienern sein – aber genau das ist es faktisch mit den aktuellen Regelungen! So viele Paare werden komplett von einer Kostenerstattung ausgeschlossen – sei es weil sie “zu alt” oder “zu jung” sind – oder weil ihnen schlicht und einfach der Trauschein fehlt. Es ist 2026! In welcher Welt leben wir eigentlich, dass nur verheiratete, heterosexuelle Paare einen Anspruch haben auf Ausgleich der Folgen von unverschuldeten Erkrankungen?

Sarah Plack ist Ärztin und eine „unperfekte ICSI-Mom“ Credit: Sarah Plack

Auszug aus der Petition: Gesetzliche Krankenkassen übernehmen nur ca. 50 % der Kosten für maximal drei IVF- oder ICSI-Behandlungen ausschließlich für verheiratete, heterosexuelle Paare mit eigenen Ei- und Samenzellen, zudem gelten starre Altersgrenzen. Viele Betroffene sind durch diese anachronistische Regelung vollständig von einer Kostenübernahme ausgeschlossen, dabei ist die Situation finanziell für Viele kaum tragbar: Gesetzlich Versicherte zahlen 1.500–1.800 € pro Versuch, während Selbstzahler*innen oft 3.700–10.000 € pro Behandlung aufbringen müssen, zuzüglich Kosten für Medikamente, Diagnostik und ergänzende Maßnahmen.

Was würdest du gerne einem oder einer Politiker*in sagen, der oder die Kinderwunschbehandlungen für ein individuelles Privatproblem hält?

Anna: Ich würde gerne jeglichen Politiker*innen die Thematik grundlegender erklären. Leider führt es oft erst zu Verständnis, wenn Menschen selbst betroffen sind. Vor allem berufen die Politiker*innen sich auf veraltete Grundlagen und Gesetze, die absolut nicht mehr der Zeit entsprechen und teilweise nicht mal mehr auf medizinischer Ebene aktuell sind. All das muss erklärt und aufgeklärt werden!

Sarah: Jedes sechste Paar in Deutschland benötigt Hilfe dabei, schwanger zu werden. Kinderwunsch ist kein Nischenthema – auch wenn es von der Politik oft so behandelt wird. Jede*r Politiker*in da draußen kennt mehrere Personen, die vielleicht genau damit kämpfen. Die wiederholte Fehlgeburten erleben mussten. Die Monat für Monat auf einen negativen Schwangerschaftstest starren und sich immer wieder denken: “Warum klappt es nur bei mir nicht?”. Nur, dass viele davon noch schweigen. Aus Angst vor Verurteilung, vor “dummen Fragen”.

Hier geht es zur Petition: Anerkennung von Unfruchtbarkeit als Krankheit/Kostenübernahme bei Kinderwunschbehandlungen bei medizinischer Notwendigkeit vom 24.03.2026